| Carl Du Prel:
die weltanschauliche Deutung
der spiritistischen Phänomene
Welche Auffassung der Natur ist
die richtige? Das erkenntnistheoretische Problem,
die Abhängigkeit unseres Weltbildes von der
Beschaffenheit unserer Sinne und unseres Intellektes,
wird hier dem Leser in höchst anziehender
Weise zum Bewußtsein gebracht. Eine kleine
Korrektur, an unserem Gehirn vorgenommen, würde
das ganze Weltbild verändern. Es wäre
noch immer dieselbe Welt, aber anders angeschaut
und nicht mehr zu erkennen. Bei dem großen
Reichtum der Natur an Lebens- und Bewußtseinsformen
lassen sich unzählige Wesensarten denken,
deren jede in einer anderen Welt lebt, und alle
diese Welten sind doch im Grunde identisch. Unser
Organismus ist nur einigen der vorhandenen Ätherschwingungen
angepaßt. Wir wissen nicht, wie viele Schwingungsarten
es giebt; aber Wesen, die den uns unbekannten
Schwingungsarten angepaßt wären, würden
ein ganz anderes Weltbild haben, ganz andere Kenntnisse
und eine ganz andere Wirkungsweise.
[… ] andere Anpassungen
ergeben andere Organisationen, andere Beziehungen
zur Natur, andere Vorstellungswelten, also auch
andere Erfahrungen, was einer Verschiedenheit
der aus diesen Erfahrungen abstrahierbaren Naturgesetze
gleichkommt.
Kein heutiger Vertreter des radikalen
Konstruktivismus' oder einer biologischen Erkenntnislehre
formulierte diese Sätze, sondern ein Vertreter
des – Spiritismus: Carl du Prel. Wir zitierten
aus einem Werk, das 1892 veröffentlicht wurde.
Carl du Prel wirbt mit seinen Schriften nicht
nur um eine wissenschaftliche Anerkennung des
Spiritismus, sondern möchte zugleich eine
moderne Weltanschauung begründen, die auf
die Fragen antwortet: »In wie fern ist der
Mensch ein Rätsel? [...] Woher kommen wir?
wozu leben wir? wohin gehen wir?«
Carl du Prel greift die Modelle der
Biologie und der Sinnesphysiologie auf; insbesondere
instrumentalisiert er die Theorie der Empfindungsschwelle,
um die Verheißungen des Spiritismus plausibel
zu machen. Es handelt sich um eine ›Umwelttheorie‹:
Die Organisation seiner Sinne bestimme die Wahrnehmungswelt
des Menschen. Reize dringen erst in das Bewusstsein,
wenn sie eine gewisse Stärke angenommen haben,
mit der sie die Empfindungsschwelle, die von den
Sinnesorganen abhängt, überschreiten
können. Feinere Reize werden nicht wahrgenommen.
So bleibe ein Großteil des Universums dem
Menschen verborgen.
Eines ist für du Prel sicher:
Trotz der Unterschiedlichkeit der Vorstellungswelten
und Lebensformen leben alle Geschöpfe im
gleichen Universum, im ›Grunde‹, so
lesen wir im obigen Zitat, seien alle diese verschiedenen
Lebenswelten ›identisch‹. Diese »identische
Welt« ist für du Prel zum einen durch
die physikalischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
neu erschlossen worden: ein Kosmos voller unbekannter
Schwingungen, unbekannter Kausalitäten. Doch,
so die Grundüberzeugung: Auch für diese
Schwingungen, für diese verborgenen Welten
müsse es die entsprechende Wahrnehmungsform,
müsse es ein Subjekt geben, das für
sie angepasst sei und mit ihr in einem lebendigen
Wirkungszusammenhang stehe. Mehr noch: du Prel
kennt bereits dieses geheime Subjekt-Zentrum,
es ist das verborgene (er sagt: »transzendentale«)
Ich, das jeder Mensch in der Hülle seines
Leibes in sich trage. Du Prel ›konstruiert‹
dieses transzendentale Subjekt, indem er Erkenntnisse
der zeitgenössischen Psychiatrie mit einem
romantischen naturphilosophischen Gedankengut
verschmilzt. Hypnotische und somnambule Phänomene,
Hellsehen (du Prel sagt: »Fernsehen«),
Prophezeiungen, das ganze Arsenal des Unbewussten
kommt hier zum Zuge. Das Unbewusste des Menschen
zeige, daß er Träger weit umfassenderer
Fähigkeiten sei, als er sie im bewussten
Zustand kenne und ausübe. Die Evolution lehre
eine fortschreitende Höherentwicklung der
Lebensformen und ihrer Anpassungen – nichts
hindere uns anzunehmen, dass sich das »transzendentale
Subjekt« des Menschen in Zukunft als eine
bessere Anpassungsform entfalten werde. Der Tod
bedeute nichts anderes als die höchste Verfeinerung
der Sinne, eine Absenkung der Empfindungsschwelle
bis zu dem Grad, an dem die Gesamtheit des Universums
für den Menschen wahrnehmbar werde. Aus dem
materiellen Leib entstehe der Astralleib mit seinen
vergeistigten Sensorien – das Jenseits,
sagt du Prel, sei das ›anders angeschaute
Diesseits‹.
Auf die Künstler um 1900 (und
danach), auf Mondrian und Kandinsky, auf Maupassant
(Le Horla), auf Maeterlinck, Ibsen, Strindberg,
Meyrink, Rilke, auf Schönberg usw. übten
spiritistische, okkultistische und theosophische
Theorien höchste Anziehungskraft aus. Du
Prels (pseudo-)philosophische Deutung des Spiritismus
legt einige Argumente nahe, die solche Attraktionskraft
begründen können. Zum einen ist der
Spiritismus eine Theorie des Wahrnehmungswandels,
neue Welten, die ganz anders sind, tauchen am
Horizont auf, und diese neuen Dimensionen fordern
die Verwandlung des wahrnehmenden Subjekts, fordern
eine Revolution der Wahrnehmungsweise. Das
wahrnehmende Subjekt tritt hier in unmittelbare
Konkurrenz zu den physikalischen Apparaten,
es wird zu einem erlebenden Organ dessen, was
die physikalischen Apparate ›nur‹
in der Abstraktion und losgelöst vom Leib
des Beobachters zeigen können – das
ist das Faszinosum für die Künstler.
Dabei suggerieren du Prels Spekulationen, dass
sie auf der Fluchtlinie naturwissenschaftlicher
Forschungen liegen; es »ist naturwissenschaftlich
möglich«, insistiert er in der Schrift
Der Spiritismus
; damit scheint die Vereinbarkeit mit dem
modernen Denken gewährleistet. Zum anderen
jedoch beobachten wir eine geradezu stromlinienförmige
Konventionalität der Prinzipien und Vorstellungen,
mit denen du Prel die menschliche Wahrnehmung
ergänzt; auch hat er meistens nicht mehr
als abstrakte Formeln zu bieten. Der Kampf ums
Dasein erscheine in einem tröstlichen, sinngebenden
Licht, wenn wir am Gedanken des (evolutionären)
Fortschritts festhielten. Der Tod sei ein Akt
der Läuterung; die Materie werde vergeistigt
... . Schauen Sie sich an, wie dagegen in bildkünstlerischen
und literarischen Arbeiten die andere Wahrnehmung
sich verwirklicht (siehe hierzu
Rilke: »Cézannes
Konzept der »Verwirklichung« in Rilkes
»Neuen Gedichten«).
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| Monika
Fick |
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