| Die Netzhaut um 1900
Die meisten Prinzipien der Erzeugung
von optischen Eindrücken wurden bereits um
1900 entdeckt und richtig gedeutet. Franz Boll
(1849-1879) entdeckte 1876 erstmals das Substrat
des Sehens, den »Sehpurpur«, auch
Rhodopsin genannt. Die damaligen Forscher gingen
von einer stetigen Neubildung des Sehpurpurs aus,
allerdings hat die heutige Forschung gezeigt,
dass der verbrauchte Sehpurpur durch energetische
Umwandlung regeneriert wird.
Auch die Aktionspotentiale konnten
von den damaligen Forschern abgeleitet werden.
Johannes Müller (1801-1858) beschrieb die
mechanische Reizung des Auges mit einem leichten
Druck auf den Augapfel. Herbei traten optische
Effekte im Sinne einer hellen kreisförmigen
Figur zutage. Es galt also auch damals schon,
dass nicht nur optische Reize optische Effekte
provozieren ließen. Johannes Purkinje (1787-1869)
beschrieb das »Eigenlicht« der Netzhaut
bei Dunkelheit, für ihn sei dieses »Lichtchaos«
durch die Stoffwechselvorgänge im ruhenden
Auge zu erklären, eine weitestgehend korrekte
Annahme. Das »Eigenlicht« meint hier
die Lichtblitze und Farberscheinungen bei geschlossenen
Augen.
Julius Bernstein (1839-1917) ergänzte
diese Theorie sehr weitsichtig durch die Feststellung,
dass »das Eigenlicht« zum Teil auch
»auf innere Processe in den Centren des
Sehnerven zurückgeführt werden«
müsse und dass auch »Phantasmen und
Hallucinationen, wie die Gesichtswahrnehmung im
Traum auf inneren Processen in der Sehsphäre
des Grosshirns«
beruhten. Diese Annahme hat sich durch die  moderne
Bildgebung bestätigt.
 Hermann
von Helmholtz (1821-1894) erkannte
außerdem den Unterschied von An- und Aus-Elementen
in den Sinneszellen. Die An-Elemente bilden, im
Gegensatz zu den Aus-Elementen, speziell zu Beginn
von Lichtreizeinwirkung Aktionspotentiale. Sigmund
Exner (1846-1926) führte weiterhin nach einer
von Helmholtz angegebenen Methode elektrophysiologische
Messungen durch, bei denen die Reizstärke
in Korrelation zur Nervenerregung abgeleitet wurde.
Wie für jede andere Sinnesempfindung existiere
auch für den Gesichtssinn ein Schwellenwert,
welcher zur Erzeugung einer Lichtempfindung nötig
ist. Überschreitet man eine Obergrenze, so
tritt eine Blendung ein. Gustav Fechner (1801-1897)
konstatierte, dass das auch für das Auge
zutreffe: Kleinste Unterschiede in der Reizstärke
sind den Empfindungen proportional. An der oberen
und unteren Grenze der Stimuli zeigten sich jedoch
für die damaligen Forscher zunächst
nicht erklärliche Abweichungen von diesem
Gesetz. Diese Abweichungen sind aus heutiger Sicht
durch hemmende und fördernde neuronale Verschaltungen
erklärbar. Der blinde Fleck und die Stelle
schärfsten Sehens, die sogenannte Macula,
waren ebenfalls schon zur damaligen Zeit wohlbekannt.
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| Daniel Ketteler |
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