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Die Welt als Vorstellungsraum:
Die kubistische Malerei
Die impressionistische Malerei hatte
zum obersten Ziel ihrer Kunst erhoben, nur dasjenige
wiederzugeben, was vom Auge des Malers an einem
Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrgenommen
werden konnte. Mit  Paul
Cézanne
beginnt die Auflösung der  zentralperspektivischen
Wirklichkeitsillusion in der Malerei.
Die neue Raumerfahrung, die ein mehransichtiges
Sehen eröffnete, wurde von der Künstlergeneration
um 1900 aufgegriffen und radikalisiert. Die Bildräume
eines  Pablo
Picasso oder  Georges
Braque, den nachweislichen Begründern
der als Kubismus bezeichneten Kunstrichtung, nehmen
gänzlich Abstand von einer illusionistischen
tiefenräumlichen Erstreckung. Die Bildgegenstände
treten reliefartig vor einer nahe am Bildvordergrund
liegenden Hintergrundfläche hervor. Die Perspektive
wird umgekehrt. Ist die räumliche Positionierung
im kubistischen Bild kaum auszumachen, so verhindert
darüber hinaus die Vieldeutigkeit von Licht
und Schatten eine zeitliche Einordnung des Dargestellten.
Die theoretischen Wurzeln einer solchen
Darstellungsweise liegen in der kubistsichen Ablehnung
der bloßen Wiedergabe eines Sinneseindrucks,
einer Vorstellung, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts
Kunsttheorie und Kunstpraxis beherrscht hatte.
Wie Claude Monet in seinen  Serienbildern,
streben auch die Kubisten eine unmittelbare Erkenntnis
der Dinge an. Aber während für den Impressionisten
Monet die wahrgenommene Welt die Grenze seiner
Erkenntnis bleiben muß, lehnen die Kubisten
eine Wiedergabe der Augenerscheinung ab, da sie
die Erscheinungswelt als Trug erkannten, die eine
Anschauung der Dinge verhindere:
Es gibt nichts Wirkliches außerhalb
von uns; es gibt nichts Wirkliches, nur das Zusammentreffen
von einer Sinnesempfindung und einer individuellen
geistigen Richtung. Fern liegt uns der Gedanke,
die Existenz der Gegenstände, die sich unseren
Sinnen bieten, zu bezweifeln; aber als Verstehende
können wir nur Gewißheit haben über
die Vorstellungen, die sie in unserem Geist hervorrufen.  
Der Kubismus löst sich von der
visuellen Wahrnehmung zugunsten einer Wiedergabe
der Außenwelt, wie sie allein in der Vorstellung
existiert.
Statt die Gegenstände so
zu malen, wie wir sie sahen, malten wir sie, wie
wir sie dachten. Das ist genau das Gesetz, das
die Kubisten [...] unter dem Namen »die
vierte Dimension« kodifiziert haben. 
Was M. Raynal hier als vierte Dimension
bezeichnet, entspricht der kubistischen Unterscheidung
zwischen Wahrnehmungs- und Vorstellungsraum. Letzteren
gilt es darzustellen. Die Idee, dass die wahrgenommene
perspektivische Welt die Dinge nicht so zeigt,
wie sie tatsächlich beschaffen sind, findet
sich bei Hermann von Helmholtz und Willima James,
dessen »Principles of Psychology«
dem Kubisten Picasso durch die James-Schülerin
Gertrude Stein vermittelt wurde. Nach James existieren
die Gegenstände in ihrer wirklichen, d. h.
perspektivisch unverkürzten Form nur in der
Vorstellung. Die perspektivische Wahrnehmung beispielsweise
eines ovalen Tellers werde vom Bewußtsein
durch die Vorstellung des wahren, runden Tellers
ersetzt.
Für William James und die Kubisten
deformiert die perspektivische Welt die wirkliche
Gestalt der Gegenstände. Soll die Außenwelt
rein und ohne Deformation dargestellt werden,
dann gilt es, die essentielle Form im Fluß
der zufälligen Erscheinungen zu erkennen.
Die einheitliche Raum- und Zeitkonstitution der
Zentralperspektive ist im kubistischen Bild aufgehoben,
da der Maler das Dargestellte nicht mehr von nur
einer Seite aus wiedergibt. Es ist eine Methode
des Kubismus, dass »wir uns um den Gegenstand
bewegen und dabei die verschiedenen sukzessiven
Aspekte in einer geistigen Vorstellung in der
Zeit rekonstruieren.«
Auch Hermann von Helmholtz hatte festgestellt,
daß das Auge sich durch Bewegung eine Vorstellung
vom Geschauten bilde:
Der Begriff eines Gegenstandes
schließt alle möglichen Empfindungsaggregate
ein, die dieser Gegenstand hervorruft, wenn wir
ihn von verschiedenen Seiten betrachten, berühren
oder sonst untersuchen... 
Damit das Auge erkennt, was es vor
sich hat, muss es vom Geschauten abstrahieren
und die zufällige Erscheinung ignorieren.
Für den Kubisten bedeutet dies, dass er nicht,
wie die Impressionisten, nach der Natur zu malen
hat, sondern nach der Vorstellung. Dem Betrachter
des kubistischen Gemäldes bleibt es überlassen,
die essentielle Form der Dinge zu erkennen.
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| Julian Eilmann |
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