| »Seh-Störungen«
Die bildende Kunst um 1900
Die Frage, in welchem Verhältnis
Kunst und Wirklichkeit zueinander stehen, hat
die bildende Kunst seit jeher beschäftigt.
Schon Aristoteles wies der europäischen Malerei
mit seinem Mimesis-Konzept den Weg zu einer Darstellungsweise,
die spätestens seit der Renaissance Kunsttheorie
und –praxis beherrschte: Die Aufgabe der
Malerei sei es, eine vom Auge wahrgenommene Außenwelt
möglichst exakt auf der Leinwand wiederzugeben.
Die Malerei wurde an einer Wirklichkeit gemessen,
von der angenommen wurde, dass sie unabhängig
vom Betrachter objektiv zu erfahren ist.
Nachdem Naturwissenschaften und Sinnesphysiologie
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
zunehmend zu der Erkenntnis gelangten, dass die
wahrnehmbare Welt keineswegs unmittelbar erfahrbar
ist, sondern in hohem Maße von den Wahrnehmungsfähigkeiten
des Subjekts abhängt, wurde der Realismus-Anspruch
der Malerei von den Künstlern vehement in
Frage gestellt. Die bildende Kunst um 1900 thematisiert
auf unterschiedliche Weise, was eine visuelle
Kunst zu leisten vermag, wenn der Sinneseindruck
die Anschauung der Dinge nicht ermöglicht,
sondern geradezu verstellt. So wird das Wissen
um die Subjektivität des eigenen Blicks von
den  Impressionisten
im Malvorgang reflektiert und zum eigentlichen
Bildthema. Wie keine Strömung der europäischen
Malerei zuvor erhebt der Impressionismus das wahrnehmende
Auge zum Maßstab der Wirklichkeitswiedergabe.
Mit dem Bewusstsein um den Scheincharakter der
Wahrnehmung wurde die Suche nach einer unmittelbaren
Anschauung für die Kunst besonders virulent.
In den Bildserien Claude Monets zur  Kathedrale
von Rouen und dem  Bahnhof
Saint-Lazare, artikuliert sich denn
auch der Wunsch, die Außenwelt in ihrer
tatsächlichen Beschaffenheit zu erfassen
und hinter die bloße Sinneserscheinung zu
blicken.
Die neo-impressionistische Malerei
eines Georges Seurat oder Paul Signac geht noch
einen Schritt weiter. Beruhend auf zeitgenössischen
naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, löst
ihr  Pointillismus
die Bildgegenstände in Punkte und Farben
auf, damit diese erst vom Auge des Betrachters
zum Bild zusammengefügt werden. Die Konstruktionsleistung
der menschlichen Wahrnehmung findet hier ihre
Übersetzung in die Technik des Malers. Mit
dem  Spätwerk
Paul Cézannes schließlich
beginnt ein Prozeß der zunehmenden Loslösung
von einer einansichtigen Wirklichkeitsillusion,
die im Modell der Zentralperspektive die europäische
Malerei seit der Renaissance beherrschte. Wie
Claude Monet bemüht sich auch Paul Cézanne
um eine unmittelbare Erfahrung der Dinge. Allerdings
ist für ihn eine solche nur in der Abstraktion
vom Sinneseindruck möglich.
Die mehransichtigen Bildräume
Paul Cézannes fanden ihre radikalisierte
Fortsetzung im  Kubismus,
der sich gänzlich von der einansichtigen
Schau der Wirklichkeit löst. Parallel zur
Wahrnehmungstheorie eines William James leugnen
die Kubisten den Realitätsanspruch des perspektivischen
Sehens. Gemalt wird nicht die zufällige Erscheinung
eines Gegenstandes, sondern die Vorstellung vom
Gegenstand. Claude Monets Versuch, die tatsächliche
Beschaffenheit der Außenwelt zu erfassen,
wird hier von einer jungen Künstlergeneration
erneut unternommen.
Der Zweifel an der Verlässlichkeit
der Sinneswahrnehmung, der um 1900 nahezu alle
wissenschaftlichen Disziplinen erfasste, wird
auch in der bildenden Kunst der Zeit zum bestimmenden
Faktor der intellektuellen Auseinandersetzung.
| 
|
| Julian
Eilmann |
 |
| |
|