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Hinter der Erscheinung:
Claude Monets Serie der Kathedrale von Rouen
Wie die Einstellungen eines Films
ziehen die Bilder am Auge des Betrachters vorbei.
Jedes Einzelbild zeigt ein Wechselspiel ineinanderfließender
Farbflächen, die zusammen offenbar ein architektonisches
Gebilde ergeben, eine Kathedrale. Jedes Gemälde
scheint dasselbe zu zeigen: Eine gotische Kathedrale
vom selben Standort aus bei unterschiedlicher
Tageszeit und unter wechselnden Wetterbedingungen
wiedergegeben. Bei intensiver Betrachtung der
gesamten Bildreihe wird der Eindruck eines eindeutig
identifizierbaren Bildgegenstands jedoch in Zweifel
gezogen. Jedes Einzelbild unterscheidet sich in
der Wiedergabe eines momenthaften Sinneseindrucks
so deutlich von den anderen Serienbildern, daß
sich die irritierende Frage aufdrängt, ob
hier tatsächlich ein und dasselbe Objekt
dargestellt ist.
Der Maler vermittelt uns das
Gefühl daß er fünfzig, hundert,
tausend dieser Bilder hätte malen können,
so viele wie sein Leben Sekunden zählt...
(George Clemenceau)
Georges Clemenceau, der in der Zeitschrift
La Justice einen Bericht über Monets
Serie veröffentlichte, beschreibt hier sehr
genau Absicht und Wirkung der Bildserie. Jedes
Einzelbild gibt einen Seheindruck wieder, wie
er sich dem Künstler zu einem bestimmten
und deshalb vergänglichen Moment präsentierte.
Wie Clemenceau zutreffend feststellt, kann diese
Augenblickserfahrung nicht mit einer zu einem
anderen Zeitpunkt gemachten Erfahrung übereinstimmen.
Die Erscheinungen, in denen sich die Außenwelt
dem Betrachter zeigt, sind potentiell unendlich
(»so viele wie sein Leben Sekunden zählt«).
Letztlich zeigt jedes Serienbild immer eine andere
Kathedrale.
Wenn die Dinge tatsächlich zu
jedem Zeitpunkt ihre Erscheinung wechseln, dann
stellt sich für den Künstler Monet die
Frage nach der materiellen Beschaffenheit der
Dinge. Es scheint, daß sich Monet mit der
Frage beschäftigte, was für Merkmale
es sind, die es einem betrachtenden Subjekt erlauben,
einen Gegenstand wiederzuerkennen, wenn sich der
Gegenstand bei verändertem Licht bis zur
Unkenntlichkeit wandeln konnte.
Für mich existiert eine
Landschaft nicht als Landschaft, da ihre Erscheinung
jeden Moment wechselt, sie lebt in Übereinstimmung
mit dem was sie umgibt, der Luft und dem Licht,
die ständig wechseln.
(Claude Monet zum Kunstkritiker Byvanck)
Monet stellte bei seinem Versuch,
ein Objekt der Außenwelt, eine Kathedrale,
so wiederzugeben wie es physisch beschaffen ist,
fest, dass eine solche Materialität vom Betrachter
nicht erfasst werden kann. Die Landschaft, wir
können auch sagen, die Objektwelt, ist für
das wahrnehmende Subjekt nur in der Kombination
von Atmosphäre, Farbe und Licht zu erfahren.
Monet malt das Motiv demnach von exakt demselben
Standort aus, um auf diese Weise den Gegenstand
in der Summe seiner Erscheinungen zu erfassen.  Wie
bei Betrachtung der Bildfolge jedoch festzustellen
ist, scheint Monet erkannt zu haben, dass auch
die wiederholte Darstellung ein und desselben
nicht zu erhöhter Klarheit führt, und
dass sich das Objekt vielmehr vom Betrachter zu
entfernen scheint und dem Auge fremd wird. Längere
Phasen intensiven Schauens hatten für Monet
eine Ermüdung des Sehens zur Folge, mit der
Gefahr, daß der Gegenstand vor den Augen
des Betrachters gänzlich verschwand. Dies
mußte auch Wassily Kandinsky mit Schrecken
feststellen, als er einer weiteren Bildserie Monets
gegenüberstand, die einen Heuschober zeigt:
Daß das ein Heuhaufen war,
belehrte mich der Katalog. Erkennen konnte ich
ihn nicht. Dieses Nichterkennen war mir peinlich.
Ich fand auch, daß der Maler kein Recht
hat, so undeutlich zu malen. Ich empfand dumpf,
daß der Gegenstand in diesem Bild fehlt.  
Das, was hinter der Erscheinung,
der Impression, liegt, ist für den Maler
nicht zu erfassen. Einen ähnlichen Versuch,
die flüchtige Außenwelt in einer Bildreihe
festzuhalten, stellt Monets Serie des  Bahnhofs
Saint-Lazare dar. Allerdings musste
der Impressionist auch in diesem Falle feststellen,
dass die Summe der Einzelbilder nur eine fragmentierte
Wahrnehmungserfahrung ermöglichte.
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| Julian Eilmann |
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