| Der Schleier vor den Dingen
Die Malerei des Impressionismus
Die impressionistische Malerei stellt
eine der letzten Strömungen der neuzeitlichen
Malerei dar, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte,
eine vom Auge wahrnehmbare Welt im Bild festzuhalten.
In diesem Sinne geht es den Impressionisten um
Wirklichkeitsillusion.  Allerdings
besteht der grundsätzliche Unterschied zu
einer als realistisch bezeichneten Malerei
darin, dass der Impressionismus die Welt nicht
so wiederzugeben versucht, wie sie vermeintlich
objekt vorhanden ist. Die impressionistischen
Künstler sind sich darüber im Klaren,
dass das, was sie sehen, immer nur ein subjektiver
Sinneseindruck sein kann. Eine solche subjektive
Wahrnehmungserfahrung gilt es möglichst getreu
festzuhalten. Hieraus resultiert die Skizzenhaftigkeit
der impressionistischen Gemälde, da der Anspruch,
einen bestimmten Augenblick festzuhalten, eine
rasche Pinselführung verlangte.
Der Maler Eugéne Boudin rät
dem jungen Impressionisten  Claude
Monet »hartnäckig den ersten
Eindruck [zu] bewahren, der immer der beste sei«.
 Der
erste Eindruck ist für einen Impressionisten
wie Boudin deshalb so wertvoll, da dieser die
unvermitteltste und demnach direkteste Wahrnehmung
der Dingwelt zulasse. Verstandesmäßige
Reflexion sollte möglichst ausgeschaltet
werden.
Die Vorstellung der Impressionisten,
dass die Dinge der menschlichen Wahrnehmung nur
in Gestalt ihrer wechselvollen Erscheinungen zugänglich
seien, äußert sich am deutlichsten
in ihrer Ablehnung des Prinzips der Lokalfarbe.
Die europäische Kunsttheorie ging seit der
italienischen Renaissance fast durchweg davon
aus, daß jedem Gegenstand eine Eigenfarbe
angehöre (wie beispielsweise das Grün
dem Gras), eine Farbe, die lediglich erhellt oder
verdunkelt werden konnte. Die Bildgegenstände
der impressionistischen Gemälde verfügen
demgegenüber nicht über eine Farbigkeit,
die ihnen unabhängig von Licht und Atmosphäre
anhaftet. Das Aussehen der Dinge ist nur durch
den Schleier erfahrbar, den Licht und Luft darstellen.
Da die Gegenstände hinter ihren Erscheinungen
zu verschwinden scheinen, kann es dem Impressionisten
nicht um eine möglichst mimetische Abbildung
des Wahrgenommenen gehen. Die Dinge entziehen
sich dem Auge des Betrachters.
Nicht das abgebildete Objekt in seiner
zeitlosen Beschaffenheit interessiert den Impressionisten,
sondern die Erscheinung, in der sich das Objekt
zu einem bestimmten Zeitpunkt einem wahrnehmenden
Subjekt präsentiert. Bei der impressionistischen
Kunst handelt es sich demnach nur in dem Sinne
um Wirklichkeitsillusion, als hier eine Wirklichkeit
dargestellt wird, die nur subjekts- und zeitgebunden
erlebt werden kann. Für den Impressionisten
ist eine Malerei ohne Betrachter nicht denkbar.
Der individuell empfundene Sinneseindruck stellt
die Grenze dar, über die der impressionistische
Maler nicht hinauskommen kann. Gleichwohl hatte
ein Impressionist wie Claude Monet in seinen  Serien
mehrfach den Versuch unternommen, die
Grenze der Erscheinungen zu überwinden und
zu einer unmittelbaren Erfahrung der Dinge zu
kommen.
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| Julian
Eilmann |
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