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Konzentrierte Unschärfe:
Paul Cézanne und die Auflösung
der einanschichtigen Wahrnehmung
Die impressionistische Malerei eines
Claude Monet hatte es sich zur Aufgabe gemacht,
im Bild das wiederzugeben, was von einem Subjekt
in einem Moment wahrgenommen werden konnte. Der
Impressionismus bleibt demnach dem einansichtigen
Bildaufbau der Renaissanceperspektive verhaftet.
Der Impressionismus folgt dem Prinzip der Zentralperspektive
dahingehend, daß der Bildraum jeweils auf
exakt einen einzigen räumlich und zeitlich
fixierten Blickpunkt hin ausgerichtet sind. Auf
das einzelne sehende Individuum hin ist die tiefenräumliche
Erstreckung des Bildraums organisiert. 
Auch Paul Cézannes Wurzeln
liegen im Impressionismus. Allerdings geht er
in seinem Schaffensprozeß seit den 1890er
Jahre über die einansichtige Bildgestaltung
des Impressionismus weit hinaus und gelangt zu
einem Punkt, an dem ihm die Wiedergabe eines bloßen
Sinneseindrucks nicht mehr genügt: »Man
muß die Natur nicht reproduzieren, sondern
repräsentieren.«  Cézannes
Bildräume heben die einheitliche Raum- und
Zeitsituation des einansichtigen Bildes auf, eines
Raumes, der von nur einem Betrachter von einem
exakt bestimmbaren Standort aus wahrgenommen werden
soll. Der zentralperspektivische Anspruch, im
einansichtig konstruierten Bildraum, dem menschlichen
Seheindruck am nächsten zu kommen, wird von
Cézanne in Frage gestellt. Er findet zu
einer Darstellungsweise, die Ähnlichkeiten
zur mehransichtigen Raumgestaltung der mittelalterlichen
Malerei aufweist.
Die Gegenstände in Cézannes
Bildern können gleichzeitig von mehreren
Seiten dargestellt erscheinen. Diese Simultaneität
der Blickwinkel geht einher mit Cézannes
Trennung der Farbe vom Objekt. »Ein Bild
stellt zunächst nichts dar, soll zunächst
nichts darstellen als Farben.«  Die
Behandlung der Farbe als Zeichen wie sie sich
im  Pointillismus
ankündigt, wird von Cézanne mit neuer
Konsequenz vertreten. Die Farbe, die ein Gegenstand
im Bild hat, stimmt nicht mehr mit dem überein,
was vom Auge als Oberflächenfarbe registriert
wird. Das heißt, dass beispielsweise ein
Baum nicht unbedingt grüne Bläter haben
muß. So können die Wahrnehmung und
der subjektive Sinneseindruck für Cézanne
nicht mehr, wie noch für die Impressionisten,
der Maßstab der Malerei sein.
Seit den späten 1860er Jahren
hatte Cézanne durch seine Kontakte zu französischen
Naturwissenschaftlern Kenntnisse der sinnespysiologischen
Forschung. Insbesondere  die
Schriften von Hermann von Helmholtz,
wie dessen Physiologische Optik, wurden
ihm in popularisierender Fassung durch zeitgenössische
Zeitschriften vermittelt.  So
unterscheidet Cézanne wie Helmholtz oder
William James zwischen der materiellen Form eines
Gegenstandes und dem hervorgerufenen Netzhauteindruck.
Helmholtz hatte festgestellt, dass das Sehfeld
des Auges wie eine hyperbolische Kurve gekrümmt
ist. Die Dinge, die am Rande des Sehfeldes erscheinen,
werden vom Auge demnach verzerrt wahrgenommen.
Cézannes Bruch mit der zentralperspektivischen
Einansichtigkeit geht hier mit der sinnesphysiologischen
Forschung eines William James einher, der ebenfalls
betont hat, dass der perspektivisch-euklidische
Raum keinesfalls mit der menschlichen Wahrnehmung
übereinstimme. Cézanne scheint zunehmend
zu der Überzeugung gekommen zu sein, dass
ein einansichtiges Sehen nicht zu einem vertieften
Verständnis der Dinge führt, ein Schluss,
zu dem schon Claude Monet in seinen  Serienbildern
gekommen war.
Aber während sich der Impressionist
Monet nicht von der einansichtigen Wirklichkeitsschau
lösen konnte und ein Objekt deshalb in mehreren
Einzelbildern zu erfassen suchte, umkreist Cézanne
die Gegenstände in nur einem Bild. Cézannes
Darstellungsweise der 1890er Jahre gibt die einansichtige
Wahrnehmung, wie sie von den Impressionisten zum
Ideal erhoben wurde, auf zugunsten einer allseitigen
Ansicht der Dinge. So beginnt mit Cézanne
die Auflösung des klassischen Wahrnehmungsmodells,
das seit der Renaissance für mehr als 500
Jahre die europäische Kunsttheorie beherrscht
hatte. Cézanne hat den folgenden Strömungen
der modernen Malerei wie dem  Kubismus
auf nachhaltige Weise den Weg gewiesen. Nach Cézanne
scheint die Außenwelt nur noch in ihrer
perspektivischen Zerstückelung darstellbar
zu sein.
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| Julian Eilmann |
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