| Husserls Phänomenologie
Phänomen ist also das, was
sich zeigt, als sich zeigendes. Das heißt
zunächst: es ist als es selbst da, nicht
irgendwie rekonstruiert. 
Lichtstrahlen, die von einem Stuhl
ausgehen, treffen auf die Augen eines Menschen,
wo sie im ersten Neuron mittels des Aktionspotentials
in eine elektrische Reaktion umgewandelt, zum
zweiten und dritten Neuron in der Netzhaut fortgeleitet
und mit Hilfe von Nervenbahnen (radatio optica)
vom lateralen Kniehöcker zum hinteren Pol
des Gehirns transportiert werden, wo in den Arealen
17, 18 und 19 eine Interpretation und logische
Zuordnung des Gesehenen erfolgt. Der Sehende kann
den Stuhl nun identifizieren. (vgl.
Anatomie des Sehens).
So oder ähnlich das Wahrnehmungsmodell
der kognitiven Wissenschaften. Aber weiß
ich damit etwas über das Wie meiner Wahrnehmung?
Tatsächlich können neurobiologische
Erläuterungen nichts über das »Erlebnis
Wahrnehmung« aussagen, sondern lediglich
über physiologische Vorgänge, also über
das, was dem Sehen, Hören, Tasten etc. vorausgeht.
Eine Rede über Wahrnehmung müsste sich
aber auf die Wahrnehmung selbst beziehen, also
z.B. auf den Stuhl, wie er uns erscheint
und auf die Leistungen des Bewusstseins bei der
Konstitution dieses Gegenstandes... 
Wer heute von »Phänomenologie«
spricht, verbindet sie zuerst mit einem Namen:
dem des Philosophen
Edmund Husserl
(1859-1938). Seine Analysen können als der
erste großangelegte Versuch gewertet werden,
die begrifflichen und erkenntnistheoretischen
Grundlagen für eine systematische, autonome
Wissenschaft des Bewusstseins zu legen. Husserls
Zugangsweise zum Psychischen war ein Neuanfang,
der sich vom methodischen Desaster der aktuellen
Theorien distanzierte und mit dem Motto »Zu den
Sachen selbst!« einen Appell für ein
voraussetzungsloses Wahrnehmen der »Dinge der
Welt« in ihrer unverkürzten Wirklichkeit
formulierte. Seine Phänomenologie verstand
sich als Alternative zu der Objektivierung des
Subjekts im zeitgenössischen Naturalismus
einerseits und dessen Inthronisation als Grund
allen Seins im Psychologismus andererseits.
Husserl bestreitet die Notwendigkeit
externer Erklärungen und Theorien. Sein Programm
zielt auf eine radikal vorurteilsfreie Erkenntnis,
eine Erkenntnis von Dingen und Sachverhalten im
»Wie-ihres-bewusstseinsmäßigen-Erscheinens«.
Aber können denn unsere Bewusstseinsakte
und -inhalte Wahrheit verbürgen? Von seinem
Lehrer Franz Brentano übernimmt Husserl die
Auffassung, daß nur der »inneren Wahrnehmung«
unmittelbare Evidenz zukommt, während die
Wahrnehmung der äußeren Dinge nur indirekt
zugänglich ist, also notwendigerweise geglaubt
werden muss. Dasselbe Wasser, das sich mit der
erwärmten Hand als kalt und mit der abgekühlten
zugleich als warm anfühlt, lässt uns
an der wirklichen Existenz des Warmen und Kalten
zweifeln, nicht aber an der jeweiligen Warm- oder
Kaltempfindung.
Husserl nennt das ›leibhafte‹ oder
anschauliche Erleben eines Sachverhaltes sein
»originäres Gegebensein«: Etwas erscheint
für mich als etwas Erlebbares, Erkennbares,
Erfahrbares.
Husserls philosophische Methode setzt
also am unmittelbaren Bewusstseinserleben an:
Im Phänomen als dem sich im Bewusstsein Zeigenden
(gr. Phainomenon: das Erscheinende) haben wir
einen direkten Zugang zu den Sachverhalten so
wie sie sich geben. Das Phänomen ist
das in der Welt »an sich« Seiende, aber
rein so, wie es sich aktuell »für mich«
zeigt.
»Wahrheit«, »Evidenz«
und »Objektivität« eines Sachverhaltes
werden ausschließlich innerhalb der Wahrnehmung
gesucht. Die »Dinge« und ihr Wesensgehalt
offenbaren sich in subjektiven Vollzügen,
im Bewusstsein-von-den-Sachen, und sind auf diese
Weise einer direkten Analyse zugänglich.
Als »Prinzip der Prinzipien« formuliert
Husserl deshalb:
[...] daß jede originäre
gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis
sei, daß alles, was sich uns in der ›Intuition‹
originär (sozusagen in seiner leibhaften
Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen
sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den
Schranken, in denen es sich gibt, kann uns
keine erdenkliche Theorie irre machen. 
»Außenwelt« ist für
die frühe Phänomenologie wahrnehmbar,
so wie sie »sich gibt«, nicht Symbol oder
Zeichen für ein unerkennbares »Ding an sich«
und auch nicht Konstrukt wissenschaftlicher Operationen.
Husserls Motto »Zu den Sachen selbst«
impliziert zunächst eine Analyse der Korrelation
zwischen »Noema« (dem einen Gegenstand-im-Wie-seiner-Gegebenheit)
und »Noesis« (der Bewusstseinsakte, in denen
der betreffende Gegenstand dem Bewusstsein erscheint).
Indem Husserl diese Korrelation als apriorisch,
als erfahrungsvorgängige Erkenntnis definiert,
kann er von den zufälligen, faktischen Bewusstseinsabläufen
abstrahieren und in der »eidetischen Reduktion«
die Wesensgesetze, deren eidetische Struktur,
bestimmen
(
Phänomenologische
Reduktion: Epoché und eidetische Reduktion).
In der Weiterentwicklung von Husserls
Denken erfährt die phänomenale »Einstellung«
allmählich eine methodische Wendung. Spätestens
seit dem ersten Band der »Ideen zu einer reinen
Phänomenologie und phänomenologischen
Philosophie« von 1913 ›kippt‹ die noematisch-noetische
Korrelation hin zur ›Aktseite‹, den Leistungen
des intentionalen Bewusstseins. Hatten die früheren
eidetischen Analysen, trotz »Einklammerung«
der Seinsgeltung, noch einen »mundanen«
Glauben an das Sein der Welt erhalten ( Gegenstands-konstitution
nach Husserl), reduziert Husserl nun
Sein endgültig auf »intentionales Vorgestelltsein«.
Dem Seienden wird ein autonomes Bestehen, das
wir ihm in unserer ›naiven‹ – Husserl nennt
es »natürlichen« – Einstellung
selbstverständlich zubilligen, abgesprochen
und es wird als ein sich in Bewusstseinsverläufen
bildender Sinn interpretiert. Die transzendentale
Reduktion bringt das Sein der Dinge als Bewusst-Sein
hervor (
Transzendentale Reduktion).
Von da an versteht Husserl seine Phänomenologie
als »phänomenalen Idealismus«. 
Viele seiner Schüler wehrten
sich gegen Husserls ›transzendentale Wendung‹.
Der Protest gegen seinen Rückfall in den
Idealismus äußerte sich in dezidiert
nicht-egologischen Theorien des Bewusstseins;
zu nennen wären besonders Heideggers
Fundamentalontologie (n.a.) und
Merleau-Pontys auf die
Leiblichkeit referierende Phänomenologie
(n.a.).
Husserl reagiert auf die vehemente
Kritik und unter dem Einfluss Diltheyscher Konzepte
mit einer neuen Darstellung des Gehalts seiner
transzendentalen Phänomenologie am Begriff
der »Lebenswelt«. In seiner unvollendeten
Schrift von 1936, »Die Krisis der europäischen
Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie«
führt er alle kognitiven Leistungen, und
damit auch den sog. Objektivismus der Naturwissenschaften
als dominantes Paradigma, auf das Fundament der
uns selbstverständlich umgebenden Lebenswelt
zurück. Mit dem transzendentalphänomenologischen
Aufweis der subjektiven Genesis aller Seinsbehauptungen
erinnert Husserls Analyse an die Subjektbezüglichkeit
und damit lebensweltliche Verantwortlichkeit jeder
wissenschaftlichen Erkenntnispraxis. (siehe
Lebenswelt)
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Emig |
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