Gegenstandskonstitution nach
Husserl Husserls phänomenologische
Analyse der Konstitution
eines Gegenstands der »Außenwelt«
Husserls Erkenntnisinteresse zielt
auf die Frage, durch welche Bewusstseinsleistungen
wir es erreichen, Außenwelt, das (Bewusstseins-)Transzendente
als das ›naturgemäß‹ Vorhandene
zu erkennen. Er geht dabei von der Feststellung
seines Lehrers Franz Brentano aus: Wahrnehmung
ist ein Akt, welcher den Sinn eines Gegenstandes
erst konstituiert. Wahrnehmung ist demnach ein
aktives Vermögen des Bewusstseins –
Brentano spricht von der Intentionalität des
Bewusstseins. Dieses gerichtete Bewusstsein
ist auf »Erfüllung« aus, also
auf die direkte, »originäre«
Anschauung eines Objektes, die allein ihm ursprünglich
Gegenstände erscheinen lässt. Die Wahrnehmung
von Dingen im Raum ist für Husserl das Urbeispiel
intentionalen Erlebens, auf dem alle anderen Erlebnisarten
aufbauen, denn schließlich lässt sich
kein Fühlen, Wollen und Vorstellen denken
ohne die Gewissheit der Existenz der Dinge, die
ich mir durch meine sinnliche Wahrnehmung verschaffe.
Husserls Auffassung wendet sich dabei sowohl gegen
die Abbildungs- wie die Symboltheorie (zur Symboltheorie
Helmholtz: Theorie des
Sehens), die den Gegenstand der Außenwelt
als Bild von bzw. als Zeichen für etwas begreifen.
Das Bewusstsein bilde nichts anderes ab oder deute
etwas symbolisch an, sondern das ›Ding‹
sei vielmehr in seiner Leibhaftigkeit bewusstseinsmäßig
gegeben«, d.h. die Dingwahrnehmung erfasse
ein Selbst in seiner »originären«
Gegenwart.
Dennoch hält Husserl eine Nichtexistenz der
Welt für prinzipiell möglich, ein Zweifel
sei immer denkbar.
Wie identifizieren wir nun aber ein
›Ding‹ der Außenwelt? Welche
Bewusstseinsleistungen müssen erbracht werden,
damit uns ein Gegenstand erscheint, wie konstituieren
wir seine Einheit? Und wie verrechnen wir die
augenblickliche Jeweiligkeit einer originären
Anschauung auf ein beständiges, unbezweifelbares
Sein des Objektes?
1. Noese: Apperzeption der hyletischen
Daten
Nach Husserl hat der intentionale
Akt der Wahrnehmung, die »Noese«,
zwei Komponenten, eine sinnlich-stoffliche und
eine sinngebende: Bewusstseinsimmanent, und somit
unmittelbar, können wir nur einen Komplex
von Sinnesdaten empfinden, bei einer optischen
Erscheinung also bestimmte Farb- oder Formdaten.
Um diese Daten als räumlich ausgebreitete
Farbe und Form eines Gegenstandes zu erkennen,
muss eine Art ›Beseelung‹ durch einen
»Auffassungssinn«, eine »Apperzeption«
stattfinden. Apperzeption ist also diejenige Bewusstseinsleistung,
die den bloß immanenten Gehalten sinnlicher
Daten, den sog. hyletischen oder Empfindungs-Daten,
die Funktion verleiht, objektives »Transzendentes«
darzustellen – ein Naturwissenschaftler
wie Helmholtz würde das, was Husserl »Beseelung«
nennt, lediglich als Entschlüsselung des
Lichteindrucks im Gehirn bezeichnen (siehe hierzu
auch:
Helmholtz: Theorie des Sehens).
Die Apperzeption leistet demnach
die Sinnbestimmung: Sie deutet Sinnesdaten zu
Attributen des Gegenständlichen um. Wenn
nun dasselbe materiale Zeichen unterschiedlich
aufgefasst wird, z.B. drei nebeneinandergesetzte
Striche als Wort, als Zeichenfigur oder als unbekanntes
Schriftzeichen, ist das nicht auf eine Veränderung
der Sinnesempfindungen zurückzuführen,
sondern auf die Apperzeption. Gegenbeispiel: Der
Zuschauer, der um eine Statue herumgeht, empfängt
je nach Perspektive verschiedene Sinnesdaten.
Sie alle werden aber in der selben Weise aufgefasst,
nämlich als Statue. Auch hier sind die Sinnesdaten
nicht für die Identität der Statue ›verantwortlich‹,
sondern der Auffassungssinn. Dieselben Empfindungsinhalte
können folglich in einem unterschiedlichen
Sinn und unterschiedliche Empfindungsinhalte in
demselben gegenständlichen Sinn apperzipiert
werden.
2. Konstitution eines Gegenstandes
als synthetische Leistung
Wie kommt es nun aber zu der Erfahrung
der Identität eines Objektes? Wie konstituiert
unser Bewusstsein das bleibende und wiedererkennbare
›Ding‹ der Außenwelt?
Wenn wir einen Tisch betrachten,
sehen wir gewöhnlich nur eine Seite davon.
Es ist uns z.B. nur seine Vorderseite »originär«
bewusst. Die anderen Seiten des Tisches sind zwar
mitgegenwärtig, aber nicht wirklich anschaulich
»gegeben«. Husserl nennt die ›Schauseite‹
eines Objektes »aktuelle Abschattung«,
um darauf hinzudeuten, daß diese nur eine
unter unendlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten
eines Gegenstandes darstellt. Die aktuelle Abschattung
verweist also immer auf Nichtgegebenes, auf »Vermöglichkeiten«.
Diesen Spielraum des Wahrnehmbaren bezeichnet
Husserl als »Horizonte«; sind sie
nicht durch direkte Anschauung »gefüllt«,
heißen sie »Leerhorizonte« oder
»Appräsentationen«.
Indem ich nun um den Tisch herumgehe – der
Leib und seine vielen Bewegungsmöglichkeiten
sind für Husserl Wahrnehmungsorgan –,
werden diese Appräsentationen gefüllt:
Ich erkenne Rück- und Unterseite oder neue
charakteristische Farbeigenarten des Tisches,
gleichzeitig bleibt aber meine Erfahrung von der
früheren aktuellen Abschattung in Erinnerung,
»retentional« erhalten.
Aus der Abschattung und den mitgegenwärtigen
Appräsentationen – welche sich, je
nach meinen Körperbewegungen, füllen
und wieder leeren und die ich retentional zu erinnern
vermag – konstruiert unser Bewusstsein ein
identisches X, dessen Kenntnis auch in Zukunft
immer weiter, durch Enttäuschung
oder Bestätigung meiner Vormeinung, vervollkommnet
werden kann und das meine Identifikation zukünftiger
Tische bestimmt.
Diese Auffassung der Dingwahrnehmung
als ständig modifizierbare Wahrnehmungsreihe
impliziert die Unabschließbarkeit der Wahrnehmung.
Denn auch meine Vorstellung des Tisches geht aus
unendlichen Überarbeitungen hervor, die ständig
retuschiert werden. Das ›Ding‹ kann
also nie als ein absolutes gegeben sein, es ist
»in infinitum unvollkommen«.
Dennoch: Die Dinge der Außenwelt
existieren für unser Bewusstsein in kontinuierlichen
Sinngehalten, und was sich in der Erfahrungskette
bewährt, dem kommt der Status des Wirklichen
zu.
Und so konstituiert sich im Zusammenspiel von
Vormeinung, Füllen der Leerhorizonte (mittels
Bestätigung oder Korrektur der Vormeinung),
neuer Apperzeption und Retention die Identität
eines Gegenstandes als etwas, das mehr ist, als
was wir gerade wahrnehmen, als ein Objekt, das
»ganz und gar meiner Wahrnehmung entschwunden
und doch fortdauernd sein kann«.
Noch einmal: Einen Tisch als solchen
identifizieren heißt, mit Hilfe meiner Erfahrung
und Erinnerung an vorgängige Tische, Horizonte
vorwegnehmen, die der aktuellen Abschattung mitgegeben
sind. So weiß ich, dass mit dem Gegenstand
»mehr« gemeint ist als das in der
gerade aktuellen Abschattung Erscheinende. Ich
schreibe dem Tisch also in meinem intentionalen
Erleben ein Sein zu, das über sein jeweiliges,
von Situation zu Situation wechselndes Gegebensein
hinausgeht – es ›transzendiert‹.
Auf diese Art, durch die Antizipation möglicher
Horizonte, die einen ›Überschuss‹
an Sinngehalt liefern, gelange ich zu einem Existenzurteil:
der Tisch ist, er hat eine subjekt- und
situationsunabhängige Identität.