| Zeichensprache: »Die
Gazelle«
Die »Neuen Gedichte«
(1907), zu denen »Die Gazelle gehört«,
stehen in engem Zusammenhang mit den »Briefen
über Cézanne« (1907); die Sachlichkeit,
die Rilke in Cézannes Gemälden erkennt,
habe er sprachlich in den »Neuen Gedichten«
zu erreichen gesucht. 
Die Gazelle
Gazella Dorcas
Verzauberte: wie kann der Einklang
zweier
erwählter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,
und alles Deine geht schon im
Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schließt:
um dich zu sehen: hingetragen,
als
wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
und schösse nur nicht ab, solang der Hals
das Haupt ins Horchen hält:
wie wenn beim Baden
im Wald die Badende sich unterbricht:
den Waldsee im gewendeten Gesicht. 
Andersartig, als sich die Schwingungen
im Universum entfalten, kommen sie uns durch unsere
Sinneswahrnehmungen zu Bewusstsein, so Rilke in
dem Essay »Moderne Lyrik« (1898).
Der Zeichencharakter der sinnlichen Wahrnehmung
ist für ihn nun keineswegs ein Anlass, sie
als chimärisch, illusorisch, ohne entsprechende
Wirklichkeit einzustufen, im Gegenteil: Dass die
Sinnesempfindungen Zeichencharakter besitzen,
entfesselt für Rilke die künstlerische
Aufgabe, nämlich die Zeichen und Äquivalente
für die verborgenen Seiten der Wirklichkeit
zu finden, sie dadurch sichtbar zu machen.
Analog dazu ist das Verhältnis
von dichterischer Sprache und Gegenstand in der
Oktave des Sonettes auf die Gazelle zu verstehen.
Zwar behaupten die ersten beiden Zeilen, dass
die sprachlichen Umschreibungen die Anmut und
Grazie der Gazelle nicht einfangen können,
dass der sprachliche Reim den Reim, den Rhythmus,
nach dem sie sich bewege, nicht erreicht. Doch
in der Flucht von Metaphern und Vergleichen, in
welche sich die Umrisse des Tieres auflösen,
vollzieht sich eine poetische Übersetzung.
Seine Konturen verschwimmen: »Aus seiner
Stirne steigen Laub und Leier«. »Laub
und Leier« fungieren als Metaphern; die
Hörner der Gazelle werden mit den Emblemen
des Dichters verglichen. Dass die poetischen Bilder
und Zeichen – »Reim«, »Laub
und Leier« – niemals die Ebene des
Indirekten verlassen können, ist von Anfang
an signalisiert; aber die metaphorische Sprache
eröffnet einen neuen Bezug zu dem, wofür
hier Äquivalente und Gleichnisse gefunden
wurden.
Und wofür wurden sie gefunden?
Für die Anmut und Grazie der Gazelle, sagten
wir. Das zweite Quartett behauptet die vollkommene
Übersetzung des Tieres in Sprache, in Vergleiche,
und bringt eine neue Dimension ins Spiel: »und
alles Deine geht schon im Vergleich / durch Liebeslieder,
deren Worte, weich / wie Rosenblätter«.
Liebeslieder: Unmittelbar kann Sprache das Tier
nicht abbilden, aber sie kann eine Metaphorik
für die Ebene finden, auf der die Beobachtung
des Tieres zum Ausdruck einer Liebe zum Dasein
wird.
Innerhalb des Bereichs der
gereimten, vergleichenden und metaphorischen Sprache
vollzieht sich im Übergang zum Sextett die
Wende zum Sehen: »um dich zu sehen«,
mit diesem Neuansatz beginnt das erste Terzett.
»hingetragen, als / wäre mit Sprüngen
jeder Lauf geladen / und schösse nur nicht
ab, solang der Hals / das Haupt ins Horchen hält«:
Überaus treffend ist hier eine
Gazelle auf dem Sprung dargestellt, horchend,
ob Gefahr im Verzug ist – niemand wird sich
der visualisierenden Evokationskraft dieser Zeilen
verschließen können. Die angespannte
Dynamik des Tieres auf dem Sprung kontrastiert
zudem dem geradezu Pretiösen der vorangegangenen
Vergleiche. Gleichwohl sind Oktave und erstes
Terzett genau miteinander verbunden. Das Schließen
der Bücher (»dem, der nicht mehr liest«)
geht einher mit dem Schließen der Augen
– das anschauliche Bild der Gazelle ist
ein »Innen-Bild«, ein Gesicht, eine
Vision. In ihm sind die sprachlichen Vergleiche
aufgehoben; dies scheint die Wendung von den Liebesliedern,
die sich auf die Augen legen, anzudeuten.
Das zweite Terzett bringt eine Synthese.
Die Reihung der Vergleiche hebt wieder an (»wie
wenn beim Baden«), der Vergleich birgt eine
erotische Komponente. Unmittelbarkeit wird in
diesem Terzett nunmehr auf der Ebene der Veranschaulichung
abgewehrt. Wie sich der Kontur des Tieres auflöst
(Z 1-4), wie die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt
verfließen (Z 7-9), so wechselt am Ende
die Perspektive auf verwirrende Weise. Wie sieht
die Badende im abschließenden Vergleich
den Waldsee? Blickt sie, mit einem Nachbild des
Waldsees im Auge, in den Himmel? Bedeutungsvoll
läuft die Flucht der Vergleiche und Bildsplitter
auf eine 'Umkehrung' zu, welche die Lokalisation
des anvisierten Gegenstandes unmöglich macht:
»den Waldsee im gewendeten Gesicht«.
In den »Briefen über Cézanne«
erläutert Rilke die »Ansätze zur
Sachlichkeit« in den »Neuen Gedichten«
(wobei er »Die Gazelle« explizit erwähnt)
anhand der Malweise Cézannes: »Man
malte: ich liebe dieses hier; statt zu malen:
hier ist es.«
Den Weg von dem Aussprechen der Liebe (zum Dasein)
hin zu dem Moment, in dem sie restlos eingegangen
ist in die Darstellung, zeichnet »Die Gazelle«
nach.
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| Monika
Fick |
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