| »Verwirklichung«:
Ein Gefüge von Beziehungen
Die Auflösung des mimetischen
Bezugs zur Wirklichkeit verändert die Auffassung
von der 'poietischen' Begabung und schöpferischen
Leistung des Künstlers. Rilke benutzt den
alten Topos vom Künstler als dem Schöpfer
neuer Welten, wobei Kunst nachgerade zur creatio
ex nihilo wird – die Welt zerbricht ihr
»unter den Füßen«:
Wenn ihr [der Kunst] einmal die
Welt unter den Füßen zerbricht, bleibt
sie als das Schöpferische unabhängig
bestehen und ist die sinnende Möglichkeit
neuer Welten und Zeiten. (Ȇber
Kunst«, 1898). 
In den »Briefen über Cézanne«
(1907) nennt Rilke einige maltechnische und bildkünstlerische
Konsequenzen, die den Einsichten über den
Zeichencharakter der sinnlichen Wahrnehmung insofern
entsprechen, als sie Schritte auf dem Weg in die
Abstraktion, die ungegenständliche Malerei,
markieren. Die wichtigsten sind die Auflösung
des Konturs und die Aufhebung der Zentralperspektive.
Die Ersetzung der Zeichnung durch farbige Flächen
bringt Rilke dabei mit Balzács Novelle
»Das unbekannte Meisterwerk« in Zusammenhang.
Achten wir jedoch bei dem folgenden Zitat auf
zwei Momente. Erstens: Die »schwingenden
Übergänge«, in die sich in Rilkes
Augen der Kontur auflöst, stellen einen verbalen
Bezug her zu den »Schwingungen« des
Universums, an die unsere Sinneswahrnehmungen
nicht heranreichen  Rilkes
Auffassungen zur Sinnesphysiologie.
Zweitens: Wo der Maler statt des Konturs die schwingenden
Übergänge sieht, ist er, wiederum in
Rilkes Augen, mit etwas »Übergroßem«
konfrontiert:
Aber mitten im Essen stand er
[Cézanne] auf, als dieser [Besucher] von
Frenhofer erzählte, dem Maler, den Balzac,
in unglaublicher Voraussicht kommender Entwicklungen,
in seiner Novelle des Chef d’Oeuvre inconnu
[...], erfunden hat und den er durch die Entdeckung,
daß es eigentlich keinen Kontur gibt, sondern
lauter schwingende Übergänge –
an einer unmöglichen Aufgabe zugrunde gehen
läßt [...]. Balzac hatte vorausgeahnt,
daß es beim Malen plötzlich zu so etwas
Übergroßem kommen kann, mit dem keiner
fertig wird.« 
Die Einsicht in die Auflösung
der Perspektive klingt in Rilkes Wiedergabe einer
Straßenszene in Paris an. Offenkundig sucht
er mit den Augen Cézannes zu sehen. Achten
wir darauf, dass die »Entwürfe einer
Weite« mit dem »lieben Gott«
assoziiert werden, der seine Schöpfung noch
nicht vollendet hat:
Eine große, fächerförmige
Pappel spielte blätternd vor dem nirgends
aufliegenden Blau, vor den unvollendeten, übertriebenen
Entwürfen einer Weite, die der liebe Gott
ohne alle Kenntnis von Perspektive vor sich hinhält.
Analog zu der Entdeckung der konstruktiven
Elemente der sinnlichen Wahrnehmung stellt Rilke
das entwerfende, konstruktive Potential der Kunst
heraus. Gleichzeitig zeigen die zitierten Passagen
aus den »Briefen über Cézanne«,
dass die künstlerischen Entwürfe nicht
als beliebige, ›rein‹ subjektive Phantasieprodukte
verstanden werden. Vielmehr spüre der Künstler
den verborgenen und übergroßen Dimensionen
der Realität nach und bringe sie zur Anschauung.
Verwirklichung nennt Rilke die Erzeugung und Schöpfung
»neuer Welten und Zeiten« in der Kunst,
er beruft sich dabei auf Cézannes Konzept
der réalisation:
Das Überzeugende, die Dingwerdung,
die durch sein eigenes Erlebnis an dem Gegenstand
bis ins Unzerstörbare hinein gesteigerte
Wirklichkeit, das war es, was ihm die Absicht
seiner innersten Arbeit schien. 
Wenn Rilke hier das »Erlebnis
an dem Gegenstand« als wesentlichen Aspekt
der gesteigerten Wirklichkeit bezeichnet, bringt
er in anderen Passagen die künstlerische
Schaffensweise mit dem Unbewussten in Zusammenhang.
Cézanne verleihe seinen Gemälden,
in denen die Farben autonom geworden seien, Evidenz
und den Charakter des Wirklichen, indem er den
Umweg über die Reflexion vermeide:
Der Maler dürfte nicht zum
Bewußtsein seiner Einsichten kommen (wie
der Künstler überhaupt): ohne den Umweg
durch seine Reflexion zu nehmen, müssen seine
Fortschritte, ihm selber rätselhaft, so rasch
in die Arbeit eintreten, daß er sie in dem
Moment ihres Übertritts nicht zu erkennen
vermag. 
Das subjektive Erleben »an
dem Gegenstand« müsse vollkommen in
den Prozess der Veranschaulichung, in den Dialog
der Farben untereinander übersetzt werden
und in die schwingenden Übergänge eingehen.
Rilke spricht in den »Briefen über
Cézanne« von den »Ansätze[n]
zur Sachlichkeit« und erläutert im
Blick auf Cézanne: »Man malte: ich
liebe dieses hier; statt zu malen: hier ist es.«
Dieses Zitat zeigt darüber hinaus, dass Rilke
selbstverständlich die menschliche Erfahrung,
die Liebe und Tod umfasst, in sein Konzept von
Wirklichkeit und Verwirklichung integriert.
Ziehen wir Bilanz: Die Entdeckung
der konstruktiven Elemente der sinnlichen Wahrnehmung
führt bei Rilke nicht dazu, die phänomenale
Welt, die ›Welt im Kopf‹, nun schlichtweg
als Konstruktion und Illusion zu begreifen, deren
Entwurfcharakter in der Kunst nun nochmals potenziert
würde. Anders ausgedrückt: Dass die
Schwingungen des Universums nur andersartig ins
Bewusstsein gelangen, ist für Rilke prinzipiell
kein Anlass, an der Erkennbarkeit oder Zugänglichkeit
einer vielschichtigen Realität zu zweifeln.
Fast im Gegenteil, könnte man sagen: Indem
die unmittelbare Korrespondenz zwischen den Sinneswahrnehmungen
und Bewusstseinsinhalten einerseits, den Kräften
und Energien des Universums und der Natur andererseits
aufgehoben ist, wird es nunmehr zur spezifischen
Leistung des modernen Künstlers, eine solche
Korrespondenz wieder herzustellen, seine Wahrnehmungs-
und Erlebnisfähigkeit schafft den Zugang
zur verborgenen Wirklichkeit. Durch »sein
eigenes Erlebnis an dem Gegenstand«, so
schreibt Rilke, gelinge Cézanne die »Dingwerdung«,
die Herstellung einer »bis ins Unzerstörbare
hinein gesteigerte[n] Wirklichkeit«. Ein
diffiziles und dynamisches Gefüge von Variablen
pendelt sich ein; die Variablen sind: Die subjektive
Erlebnisfähigkeit, die in das verborgene
Unbewusste hinabreicht, die übergroße
Natur, die Sinneswahrnehmungen als begrenzte Zeichen
und schließlich die künstlerischen
Darstellungsmittel, in denen die Genauigkeit der
Begrenzung und die Plastizität des Anschaulichen
zum Medium bzw. Zeichen für das Unbegrenzte
werden müssen. Immer neu tariert Rilke dieses
Beziehungsgeflecht aus, immer neu lotet er die
Variablen aus und verflicht sie miteinander. Auf
den einzelnen Seiten unserer Rilke-Darstellung
gehen wir den einzelnen Konstituenten nach und
untersuchen ihren Zusammenhang. »Ort«
der Vereinigung der Variablen ist für Rilke
natürlich das Kunstwerk, in seinem Fall:
das Gedicht.
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| Monika
Fick |
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Empfohlene
Zitierweise dieses Artikels:
Monika Fick: »Verwirklichung«:
Ein Gefüge von Beziehungen (2006).
URL: http://susy.germlit.rwth-aachen.de/
literatur/fiktlit1900/
rilke/auffassungenzursinnesphys/index.html
(Zugriffsdatum)
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