| Wirklichkeit als Subjekt-Objekt-Bezug
und die Sinnesorgane als Weltbildner
Nicht auf Entwirklichung zielen die
poetischen Entwürfe bei Rilke, vielmehr sollen
die sprachlichen Bilder gerade in ihrer Zeichenhaftigkeit
die Evidenz des »Wirklichen«, einer
gesteigerten Wirklichkeit, erlangen. Cézanne
sei die »realisation« gelungen:
Das Überzeugende, die Dingwerdung,
die durch sein eigenes Erlebnis an dem Gegenstand
bis ins Unzerstörbare hinein gesteigerte
Wirklichkeit, das war es, was ihm die Absicht
seiner innersten Arbeit schien. 
Das Erlebnis am Gegenstand schaffe
die ins Unzerstörbare gesteigerte Wirklichkeit.
Das heißt aber, dass Rilkes Begriff von
»Wirklichkeit« ein Gegenbegriff zu
der Aufspaltung zwischen Sinnenwelt und physikalischem
Universum ist, sofern mit dieser Aufspaltung impliziert
ist, dass das physikalische Universum die ›eigentlich‹
wirksame Wirklichkeit sei. Von Wirklichkeit und
Verwirklichung kann für Rilke nur da die
Rede sein, wo eine Subjekt-Objekt-Beziehung besteht,
wo den Einwirkungen der Natur ein Inneres respondiert,
wo die Subjektivität den Gegenstand formt
und wo die Konstruktionen des Subjekts den Pulsschlag
des Lebens zum Ausdruck bringen. Wenn Helmholtz
die Sinneswahrnehmungen als Zeichen und Symbole
für gesetzmäßige Naturvorgänge
auffasst, so sind diese als Ursache fundamental
getrennt von der menschlichen Erlebnisweise  »Wirklichkeit«
der Außenwelt. Nur durch das
abstrakte Gesetz der Kausalität ist nach
Helmholtz das sinnlich wahrnehmende Subjekt mit
den Naturvorgängen verbunden, wobei die unterschiedlichen
Sinnesqualitäten sich auf eine gleichartige
physikalische Ursache, auf ein einziges physikalisches
Gesetz werden zurückführen lassen, so
seine Überzeugung. Rilke dagegen fasst die
Sinneswahrnehmungen, die das Material des Künstlers
sind, als Gleichnisse und Äquivalente auf
für eine »Natur«, die zwar uneinholbar
»draußen« ist und nicht restlos
eingeht in diese sinnlichen Eindrücke, mit
der aber gleichwohl der Mensch mit allen seinen
Fasern und Schichten in Beziehung steht, mit seinem
Bewusstsein und dem Unbewussten, mit seinem Körper
und seinen Gedanken, seinen Empfindungen und Intentionen,
seinem Leiden, seiner Trauer und seinem Begehren.
Rilke sieht diese »Natur« als eine
Einheit, ein unendliches Ganzes an, welches in
der Sinneswahrnehmung vervielfacht werde; welches
zugleich erschlossen und sichtbar gemacht werde
in der Reaktionsweise des lebendigen Subjekts
im Vollsinn des Wortes.
Die Darstellung der Subjekt-Objekt-Responsion
innerhalb der übergroßen Natur, die
sich dem Menschen immer wieder entzieht und verbirgt,
begreift der Rilke, der die »Briefe
über Cézanne« (1907) schreibt,
als ein handwerkliches Problem. Als einen Jugendfehler
betrachtet er nunmehr die schnelle Beschwörung
des großen Ganzen. Er habe die Manifestationen
der Natur, die konkrete Welt übersprungen.
Deshalb muss es ihm hochwillkommen gewesen sein,
ein biologisches Modell kennenzulernen, in dem
der Subjekt-Objekt-Bezug das Grundprinzip für
die Erklärung des Lebens der Organismen ist.
Denn ein solches Modell gibt ihm die Gewissheit,
dass er in seiner Tätigkeit als Künstler,
seiner Beobachtungsweise, tatsächlich dem
Leben auf der Spur ist. Und Rilke hielt es für
seine Pflicht, sich ein nicht nur oberflächliches
Wissen über die Lebewesen und ihre Sinnesphysiologie
anzueignen, um als Dichter genau und aufmerksam
beobachten zu können. Naturwissenschaftliche,
insbesondere biologische Kenntnisse gehören
für ihn zum Handwerk, das die künstlerische
Konkretion ermöglicht. Rilke hat die künstlerische
Vision zum Teil in Analogie zu Jakob von Uexkülls
Umweltlehre gedacht. [Link: Jakob von Uexküll
# genaue Überschrift] Rilke und Uexküll
haben sich gekannt, der Biologe hat dem Poeten
den Umweltbegriff erläutert, die beiden lasen
zusammen Kant; Uexküll schwebte eine »Kantisch-biologische
Weltanschauung« vor.
Dabei scheint Rilke der Zusammenhang von Wahrnehmung
und Existenz besonders angezogen zu haben. In
Uexkülls biologischem Modell fungieren die
Sinnesorgane als Weltbildner und ist das »Weltbild«,
die Umwelt eines Lebewesens, integrierender Teil
seiner Organisation. Das Tier ist, was
es sieht.
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| Monika
Fick |
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