| Sehen und Sein – Sehen
ist Sein
Die Vorstellung, dass Sehen und Sein
auseinander hervorgehen, ist bereits dem frühen
Rilke vertraut. In dem Gedicht »Die Blinde«
aus dem »Buch der Bilder« wird der
Verlust des Augenlichts beschrieben als Verlust
des Sehfeldes, welchen Verlust die Blinde als
eine Verletzung erfährt, die bis ins Innerste
ihres Körpers hineinreicht:
Am ganzen Leibe war ich wund.
Die Welt,
die in den Dingen blüht und reift,
war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,
mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag
wie aufgewühlte Erde offen da [...].
(»Die Blinde«, 1900; E 1902). 
Vergleichbar ist die Art, wie Rilke
in »Der Tod des Dichters« (»Neue
Gedichte«, 1907) die Durchtrennung des Weltbezugs
im Tode imaginiert. Die ersten beiden Strophen
entfalten die Gleichung von Sehen und Sein; das
Gesehene, das Gesicht des Dichters, wird als Teil
seiner Organisation dargestellt:
Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz
war
Bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
seitdem die Welt und dieses von-ihr-Wissen,
von seinen Sinnen abgerissen,
zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.
Die, so ihn leben sahen, wußten
nicht,
wie sehr er Eines war mit allem diesen;
denn Dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
und diese Wasser waren sein Gesicht.
O sein Gesicht war diese ganze
Weite,
die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
und seine Maske, die nun bang verstirbt,
ist zart und offen wie die Innenseite
von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.
Dass der Dichter und Künstler
seine Welt, und sei es die fremdeste und entlegenste,
mittels sinnlicher Wahrnehmung erobern, sie sinnlich
durchdringen müsse, ist der Leitgedanke des
Aufsatzes »Ur-Geräusch« (1919).
Der Dichter sei angehalten, die »Sinnes-Ausschnitte
ihrer Breite nach zu gebrauchen«; zugleich
bestehe die Gefahr,
der Abgründe gewahr zu werden,
die die eine Ordnung der Sinnlichkeit von der
anderen scheiden: in der Tat, sie sind weit und
saugend genug, um den größeren Teil
der Welt – und wer weiß, wieviel Welten
– an uns vorbei hinwegzureißen, 
die Gefahr, welche die sinnesphysiologische
Forschung bewusst gemacht hat. Dem auf physikalische
Formeln gebrachten Universum hält Rilke jedoch
einen Zuwachs an »Welt« entgegen,
der von der sinnlichen Erfahrung und der menschlichen
Organisation ausgeht – die Gegenthese zur
physikalischen Forschung klingt an  Wirklichkeit
als Subjekt-Objekt-Bezug:
Die Frage entsteht hier, ob die
Arbeit des Forschers die Ausdehnung dieser Sektoren
[der unterschiedlichen Sinnesgebiete] in der
von uns angenommenen Ebene wesentlich zu erweitern
vermag? Ob nicht die Erwerbung des Mikroskops,
des Fernrohrs und so vieler, die Sinne nach oben
oder unten verschiebender Vorrichtungen in eine
andere Schichtung zu liegen kommen, da
doch der meiste, so gewonnene Zuwachs sinnlich
nicht durchdrungen, also nicht eigentlich ›erlebt‹
werden kann. Es möchte nicht voreilig sein,
zu vermuten, daß der Künstler, der
diese [...] fünffingrige Hand seiner
Sinne zu immer regerem und geistigerem Griffe
entwickelt, am entscheidendsten an einer Erweiterung
der einzelnen Sinn-Gebiete arbeitet, nur daß
seine beweisende Leistung [...] ihm nicht
erlaubt, den persönlichen Gebietsgewinn in
die aufgeschlagene allgemeine Karte einzutragen.
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| Monika
Fick |
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