| Erfindungen von Wirklichkeit
in der
fiktionalen Literatur um 1900
Weit verbreitet ist die – sicher
nicht falsche – Auffassung, daß Ichzerfall
und Wirklichkeitszerfall in den Darstellungen
der modernen Kunst miteinander korrelieren. Wir
dagegen suchen einen Neuansatz von der Frage der
Wahrnehmung her, indem wir die fiktionale Literatur
da anzusiedeln suchen, wo die Inkongruenz zwischen
eigener Wahrnehmung und ›Außenwelt‹
zur Chance des Schöpferischen wird, zum schöpferischen
Impuls. Dabei ist der eine Teil der These leicht
zu begreifen und hat bereits Formulierungen gefunden:
Die Erkenntnis, wie weit Wahrnehmung »Konstruktion«
ist – wir haben gezeigt, dass diese Formel
bereits auf den sinnesphysiologischen Neukantianismus
passt (
Wirklichkeit der Außenwelt;
Hausdorffs »Radikaler
Konstruktivismus«) –, setzt
das Schöpferische insofern frei, als nun
der Künstler zu Weltentwürfen ohne
mimetische Bindung sogar von der Naturforschung
her legitimiert und aufgefordert zu sein scheint.
Im Impressionismus schlägt der strikteste
Naturalismus in den freiesten Subjektivismus um.
Unsere Untersuchung und Darstellung hat ihr eigentliches
Feld jedoch auf der »anderen Seite«,
der Seite der verlorenen Objektivität. Es
geht darum, eine »Wirklichkeit« jenseits
des unmöglich gewordenen Mimesis-Anspruchs
zu finden. Denn die künstlerisch entwerfende
Wahrnehmung soll ja gerade nicht in eine beliebige,
›bloß‹ subjektive Phantastik
führen. Rilkes Reflexion geht in diese Richtung:
[...] doch müßte
die Möglichkeit, sich ihrer [der Worte]
zwingend zu bedienen, da sein, vermöchte
man nur, ein solches Bild [wie diejenigen
von Cézanne] wie Natur anzuschauen:
dann müßte es als ein Seiendes auch
irgendwie ausgesagt werden können. [...]

Wir wollen für den Zeitraum
um 1900 mittels repräsentativer Beispiele
diese schöpferische Wahrnehmung in ihrer
exakten und zugleich kritischen Reaktion auf den
naturwissenschaftlichen Diskurs begreiflich machen.
Dabei soll auch transparent werden, dass es sich
um Alternativen, Gegenentwürfe zur Weltanschauungsliteratur
handelt.
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| Christine
Emig, Monika Fick |
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