| Gegenbilder: Welt-Anschauung
um 1900
Die durch die Naturwissenschaften,
die Sinnesphysiologie und die Physik vorangetriebene
Trennung zwischen Sinnenwelt und Außenwelt
gewinnt um 1900 eine große Dramatik. Warum?
Die Inkongruenz wird als fundamentaler Sinnverlust,
als Entfremdung erlebt.
Bruno Wille entwirft in der Schrift
Das lebendige All. Idealistische Weltanschauung
auf naturwissenschaftlicher Grundlage im Sinne
Fechners (1905) die »Urszene«
dieser Entfremdung, indem er den Beginn von Fechners
weltanschaulich-philosophischem Werk Die Tagesansicht
gegenüber der Nachtansicht (1879) zitiert.
»Tagesansicht« und »Nachtansicht«
werden von Fechner in zwei unterschiedlichen Szenarien
verdeutlicht. Die »Nachtansicht« entsteht
durch den Blick in die Natur, der die Ergebnisse
der Sinnesphysiologie und der Physik ernst nimmt,
wörtlich nimmt, »wahr nimmt«.
Dabei ist es für Fechner selbstverständlich,
daß das menschliche Dasein keinen Sinn hätte,
wenn tatsächlich das Universum »draußen«
nichts anderes wäre, als Physik und Chemie
es zeigten. Was wird gegen die physikalisch-chemische
Nacht des Universums aufgeboten? Die »Tagesansicht«:
Der natürliche Mensch glaube daran, dass
Licht, Farben, Töne, Wärme nicht nur
Illusionen seien, die erst hinter den Augen oder
im Ohr entstünden, sondern dass sie auch
außer seinem Bewusstsein Bestand und Bedeutung
hätten, dass, so Fechner wörtlich, »die
Flöten, Geigen ihren Ton ihm schenken, nicht
umgekehrt von ihm empfangen, kurz, daß es
ein Leuchten und Tönen durch die Welt über
ihn hinaus und von draußen in ihn hinein
giebt.«
Diese »Urszene« der Entfremdung
und die Anstrengungen, sie mit Gegenbildern zu
überblenden, gelten für viele Texte,
die »Weltanschauung« vermitteln sollen;
umgekehrt formuliert: Die Kluft zu überwinden,
einen »wissenschaftlich« fundierten
Bezug zur (Außen-)Welt zu gewinnen, wird
um 1900 als vornehmliche Aufgabe einer »Weltanschauung«
angesehen, die zu gewinnen wiederum der –
auf »Sinnstiftung« angewiesene –
Mensch nötig habe. So entsteht eine Textgattung,
in der »Weltanschauung« produziert
und formuliert wird. Um 1900 hat diese Textgattung,
die »Weltanschauungsliteratur«, Hochkonjunktur.
Die wichtigsten Namen: Gustav Theodor Fechner,
Ernst Haeckel, Bruno Wille, Wilhelm Bölsche
(Friedrichshagener Dichterkreis), Heinrich und
Julius Hart, Wilhelm Schmidt ... .
Voraussetzung für die Sinnstiftung
ist dabei immer die – postulierte –
Übereinstimmung mit den naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen, wobei zugleich diese Übereinstimmung
nicht auf Kosten der Anschaulichkeit
gehen dürfe, sondern ein tragfähiger
»Einklang« sein müsse. »Sinnstiftung«,
so die Prämisse, müsse den Menschen
und dessen Realität einbeziehen, weshalb
sich die Entfernung von der Sinnenwelt verbiete.
So sind die Autoren angehalten, den Riss zwischen
Sinneswahrnehmung und dem physikalischem Universum
auf die eine oder andere Weise zu überwinden.
»Den Sinnen hast Du dann zu trauen«,
mit diesem Goethe-Zitat ist ein zentrales Kapitel
in Willes Das lebendige All überschrieben.
Mittels welcher Argumente geschieht das? Lässt
sich die Vermittlung wirklich »anschauen«?
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| Monika
Fick |
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