| Schöpfung und Erkenntnis
Semi Meyer betont immer wieder: Die
Bewusstseinsinhalte bilden die Außenwelt
nicht ab, die Sinnesempfindungen enthalten keine
Erkenntnis. Zum Beispiel:
Die Empfindung gibt in ihrer Entstehung keine
Erkenntnis, sie wird gebildet, um die Stellungnahme
zu den Reizen zu bestimmen. Wir nehmen unmittelbar
Dinge wahr, wir sehen eine Welt und wir tasten
Gegenstände, die sich uns entgegenstellen.
Die Dinge sind nicht unsere Empfindungen, die
Dinge sind außer uns, sie bilden für
uns eine Außenwelt, deren Bild wir mit uns
umhertragen müssen, um uns zurechtzufinden,
und doch können unsere Wahrnehmungen unmöglich
die Welt abbilden wie sie ist. [...] das unmittelbare
Bewußtsein sagt uns, daß die Dinge
außer uns und an sich, also ohne menschliche
Wahrnehmung, ihr Dasein und ihre Wirkung haben,
die von der Form unserer Auffassung nicht berührt
wird.
Obwohl demnach die Bewusstseinsinhalte die Welt
nicht „abbilden wie sie ist“, gelangt
in Meyers Augen dennoch der menschliche Geist
zu einer Erkenntnis der Beziehungen, welche die
Dinge untereinander und unabhängig von ihm
haben. Das Sein außerhalb des Bewusstseins
ist ihm zufolge nicht gänzlich dem Zugriff
der Erkenntnis entrückt. Ähnlich wie
Dilthey (Außenwelt ist sinnlich erfahrene
Wirklichkeit; Erfahrung eines Widerstandsimpulses)
sieht er den (Erkenntnis-)Bezug zur Welt 'draußen'
durch die Wirkungen und Gegenwirkungen hergestellt,
die sich ergeben, wenn wir aufgrund unserer Bedürfnisse
und Gefühlswertungen handelnd in die Welt
eingreifen. Ein Ding gebe sich in seinem Gebrauch
zu erkennen. Zugleich distanziert er sich von
der Position Ernst Machs, dem zufolge die Dinge
bloße Empfindungskomplexe seien. So wird
das Erlebnis zum entscheidenden Impuls der Erkenntnis:
Das Erlebnis, das mit der Umgebung in Berührung
bringt, das zu einer Stellungnahme nötigt
und noch vielmehr die eigene Tätigkeit, die
selbst die Stücke [der Wahrnehmung] in Bewegung
setzt, kann allein die Veranlassung werden, die
Umgebung zu zerlegen. [...] Die Vorstellung eines
Dinges ist ein Treff- und Verknüpfungspunkt
von Erfahrungen.
Wirklich befriedigen will uns diese Lösung
jedoch noch nicht. Denn warum sollte der Gebrauch
eines Dinges, so sehr er einem elementaren Erlebnis
und Bedürfnis entspringt, etwas über
sein Wesen, sein wahres So-Sein aussagen? Von
den Meyerschen Prämissen her ist diese Lösung
allerdings stimmig, doch sind diese Prämissen
metaphysischer Art. Für Meyer ist der menschliche
Geist ein Teil der großen schöpferischen
Bewegung des Lebens. „Das Leben“ ist
ein Leitwort seiner Schrift. Die eigene reiche
Welt, die sich der Geist in den Bewusstseinsformen
bildet, ist ein Ausdruck des schöpferischen
Lebens. Deshalb ist gerade das, was die Bewusstseinsformen
von der Erkenntnis zu entfernen scheint, ihre
Spontaneität und qualitative Geschiedenheit
von den Reizen der Außenwelt, der Garant
dafür, dass sie Wesentliches erfassen, dass
sie das übergreifende Ganze berühren.
In ihnen ist die Substanz des Lebens, dem die
menschliche Welt eingeordnet ist, enthalten. Umgekehrt
ausgedrückt: Es ist das wirkende Leben selbst,
das in den Empfindungen und Gefühlen, im
menschlichen Geist, in dem Neues entsteht, eine
Auffassung der Welt bildet.
Nicht im Tonfall der Desillusionierung spricht
deshalb Meyer von den konstruktiven Elementen
der Wahrnehmung. Ihr konstruktiver, a-mimetischer
Charakter ist für ihn schöpferischer
Natur, in ihm manifestiert sich der ursprüngliche
Impuls des Lebens. Den mechanischen Reizeinwirkungen
gegenüber gingen die Sinnesempfindungen in
Führung zur Gestaltung der menschlichen Form.
Dem Energiestrom des Lebens entspreche die spezifische
Dynamik, mit welcher der Geist – in den
Empfindungen und Gefühlen – auf die
Reizmechanismen der Außenwelt antworte:
Wohl entsteht sie [die Empfindung] in einer Wechselwirkung
mit den Reizen, aber ganz gewiß nicht als
eine Art Abbild des Reizvorgangs, sondern als
Führer ihm gegenüber, und das gestaltet
ihre Form. [...] / [...] Das Auftreten der Empfindung
schaltet die Reizwirkung auf das lebende Gewebe
als einfache Lebensreize aus und es erscheint
im ersten Strahl des Bewußtseins eine eigene
Energetik, indem das unterscheidbare Bewußtseinsgebilde
in das Leben eingeführt wird.
Auch Rönne beschwört „die gewaltige
schöpferische Macht“ des Lebens, die
es anzuerkennen gelte. Haben wir, nachdem wir
Rönnes Lektüre von Semi Meyer nachvollzogen
haben, nunmehr einen Schlüssel in der Hand,
das Verhältnis von Erkenntniskritik und künstlerischer
Schöpfung in Benns Novelle zu verstehen?
Monika Fick
Empfohlene Zitierweise
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