| Der Reichtum der Sinnenwelt
Der Geist ist mannigfaltiger
als die Welt. Die Welt ist grau und öde und
eintönig, der Geist aber ist bunt und belebt
und voller Gegensätze. Unser Geist also selbst
ist es, der uns die Welt farbig macht. [...] Aber
unser Geist ist unsere Welt, und wir sehen die
Welt selbst in bunter Farbenpracht, wir hören
sie in einer verschwenderischen Fülle tönender
Formen, wir tasten und greifen einen erstaunlichen
Reichtum an Gestaltungen. 
Für die Nutzer und Leserinnen
von »Sinne und Synapsen« hat dieser
Satz toposhaften Charakter. Konstatiert wird die
Differenz zwischen dem physikalischen Universum,
der ›grauen, öden, eintönigen
Welt‹, und der farbigen Welt, die mit unseren
Sinnesempfindungen entsteht, den Bewusstseinsinhalten,
die »unsere Welt« ausmachen. Er stammt
aus der Abhandlung eines Danziger Mediziners,
Semi Meyer
mit Namen, die 1913 erschienen ist und den Titel
trägt: Probleme der Entwicklung des Geistes.
Die Geistesformen. In vielen neuro-philosophischen
Reflexionen wird heute der Schluss gezogen: Weil
in der sinnlichen Wahrnehmung allein das Gehirn
die Umwelt des Menschen erzeugt, ist diese Wahrnehmungswelt
ins Leere hinein konstruiert, ist sie ›eigentlich‹
und ›in Wirklichkeit‹ nur eine Illusion.
Semi Meyer jedoch zieht eine ganz andere Konsequenz,
er denkt in einer umgekehrten Richtung. Sie deutet
sich an, wenn wir den im obigen Zitat ausgelassenen
Satz nunmehr ergänzen:
Unser Geist also selbst ist es,
der uns die Welt farbig macht. Die stumpfeste
Einseitigkeit beantwortet er noch mit einem Gefühl,
das Leben ins Tote bringt.
Der Geist bringt für Semi Meyer
»Leben ins Tote«. Und: Die wissenschaftliche
Erkenntnis, dass die Wirkungen in der Natur mit
einfachen und einförmigen Gesetzen beschreibbar
sind, dass z.B. den qualitativ unterschiedlichen
Farben gleichartige (nur quantitativ differenzierte)
Wellen entsprechen, bringt für ihn nicht
›die Wirklichkeit an sich‹ zum Vorschein,
sondern beruht auf Reduktionen und erfasst nur
einen Ausschnitt der Welt. Er schreibt:
Je mehr es gelingt, von den Formen
abzusehen, die unser Geist für die Auffassung
der Dinge bereit hält, desto mehr vereinfacht
sich das Getriebe zu einer Anzahl von meßbaren
Umwandlungen einfacher Größen, deren
Summierung nach Gesetzen erfolgt, zu denen die
Grundsätze unseres Geistesgeschehens einen
vollen Gegensatz bilden. 
Weit davon entfernt, der naturwissenschaftlich-physikalischen
Methode den Zugriff auf die ›eigentliche‹
Wirklichkeit zuzubilligen, sieht Semi Meyer in
der Vereinfachung und Abstraktion einen Verlust
an Realitätshaltigkeit, eine Verknappung,
was die Dimensionen und Möglichkeiten der
Wirklichkeit anbelangt. Die Mannigfaltigkeit,
Buntheit und Fülle der geistigen Welt, die
mit der Sinnenwelt beginnt, ist für Meyer
das Unterpfand ihrer Realität; einer Realität
freilich, die dem Geist und seinen Gesetzen entspricht.
»Dem Reichtum unseres Geistes gegenüber
versagt die Sprache der Formeln, die Kunst in
1 plus 1 eine Welt zu umspannen muss hier die
Waffen strecken.« 
Ein Ansatz also, in dem das menschliche
Erleben eine zentrale Rolle spielt, weshalb er
ein starkes ästhetisches Moment besitzt.
So verwundert es nicht, dass diese Schrift einem
Autor entscheidende Anregungen gegeben hat, der
sich intensiv mit der Hirnforschung und der neurophysiologisch
begründeten Erkenntniskritik auseinandersetzte:
Gottfried Benn.
Enthusiastisch begrüßen Benns Rönnefigur
und »modernes Ich«
die Schrift Semi Meyers. In der Novelle Die
Insel findet Rönne durch Semi Meyer
einen Ausweg aus der Sackgasse, in die ihn die
Erkenntniskritik des Positivismus geführt
hat. Dabei
eröffnet den Ausweg nicht der Gedanke des
Reichtums der Sinnenwelt, sondern der Gedanke
vom Schöpferischen, das sich, Semi Meyer
zufolge, in diesem Reichtum manifestiert. Wieder
ist die Differenz zum heutigen Sprachgebrauch
und damit zu heutigen Denkgewohnheiten deutlich.
»Wirklichkeit ist Konstruktion«, lautet
gegenwärtig die Parole, und sie impliziert
die Determination durch Gehirnprozesse. Sinnenwelt
und geistige Welt sind eine Schöpfung, heißt
es bei Semi Meyer, und dieser Begriff des Schöpferischen
setzt den Bezug zu einer unverfügbaren Wirklichkeitsdimension
voraus, die alle konstruktiven Elemente übergreift
und übersteigt. Wie erläutert Semi Meyer
nun diese schöpferische Entstehung der geistigen
Welt? Wir nehmen Rönnes Lektüre zum
Leitfaden unserer Explikation. Wenn Sie Die
Insel zur Hand oder im Kopf haben, klicken
Sie die folgenden Abschnitte an (  Reflexbogen
versus Empfindungsqualität;   Schöpfung
und Erkenntnis).
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| Monika
Fick |
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