| Reflexbogen versus Empfindungsqualität
»Der Geist ist entstanden«
,
mit diesem Satz eröffnet Meyer seine Schrift.
Gemeint bzw. impliziert ist: Die geistige Welt
ist in ihren einzelnen Formen nicht restlos kausal
aus der Situation ableitbar, aus der heraus sie
entstanden ist. Sie ist eine Schöpfung. Dabei
muss man verstehen, dass die »geistige Welt«
für Meyer mit den Sinnesempfindungen beginnt,
das heißt mit der Wahrnehmung durch unsere
Sinnesorgane, wie sie sich uns als Bewusstseinsinhalt
manifestiert. Die Empfindungen in ihrer Vielfalt
sind für ihn die ersten Geistesformen und
»Bewusstseinserscheinungen«.
Die Lektüre der Schrift löst
bei Rönne eine Flut von Fragen aus:
Das Werk eines unbekannten jüdischen
Arztes aus Danzig, der wörtlich über
die Gefühle aussagte, daß sie tiefer
reichten als die geistige Funktion? Daß
das Gefühl das große Geheimnis unseres
Lebens sei und die Frage seiner Entstehung unbeantwortbar??
Um es vollends zu Ende zu denken: das Gefühl
gehöre nicht mehr zu den Empfindungen?? /
Wußte er denn, was es bedeutete, wenn die
Gefühle nicht mehr vom Reiz abhingen, wie
er, Rönne, gelernt; wenn er sie den dunklen
Strom nannte, der aus dem Leibe brach? Das Unberechenbare?
/ [...] wußte er vielleicht, daß
er die Frage beantwortete, ob es Neues gäbe?
Die Trennung von Gefühl und
Reiz ist für Rönne der springende Punkt
der neuen Thesen. »Reiz« bedeutet
dabei die Einwirkung aus der Außenwelt,
die auf den Organismus trifft und dort eine Reaktion
auslöst: Die Lichtwellen, Lichtreize, treffen
auf das Auge und lösen das »Sehen«
aus, Luftbewegungen reizen die Haut und werden
als Wärme- und Kälteempfindungen registriert.
So hat es Rönne gelernt: Reiz und Reaktion
folgen im Organismus nach einem kausal einsichtigen
und zu berechnendem Zusammenhang. Der Terminus
für diesen Zusammenhang lautete: Reflexbogen.
Denkt man sich das Verhalten des Menschen konsequent
nach diesem Schema, wird aus ihm ein Automat,
eine Marionette der chemisch-physikalischen Abläufe.
Rönne führt das drastisch vor Augen:
Und nun wehte gar ein Windstoß
an eine Ölkappe, und ein Arm griff an die
Krempe –: jawohl, auf Reize antwortete hier
Organisches; betrieben wurden seine Symptome:
der Stoffwechsel und die Vermehrung; der Reflexbogen
herrschte, hier war gut ruhn. 
Wir können uns bereits denken,
was der Lehrmeinung vom »Reflexbogen«
gegenüber die Loslösung des Gefühls
vom Reiz bedeutet: aus der Reaktion wird Aktion,
– Schöpfung. Gehen wir jedoch Schritt
für Schritt vor.
Wenn wir die einschlägigen Passagen
bei Semi Meyer nachlesen, erkennen wir, dass Rönne
sehr großzügig zusammenfasst. Die entscheidende
Erklärung der Antwort des Organismus auf
die Reizeinwirkung der Außenwelt nimmt Meyer
nämlich bereits bei der Empfindung vor, die
nicht mit dem Gefühl verwechselt werden dürfe.
Unter »Empfindung« versteht er die
Sinneswahrnehmungen (Sehen, Hören, Tasten
etc.). Ihre spezifische Leistung liegt für
ihn in der Unterscheidung von Reizen,
in der Verwandlung des physikalisch Einförmigen
in das Mannigfaltige der Erscheinungen:
Das Mittel der Unterscheidung
besteht aber in nichts anderem als in der Geschiedenheit
der Bewußtseinserscheinungen, die sich zu
vielgestaltigen Formen bilden müssen, um
ihre Aufgabe erfüllen zu können. Der
eigenartige Zusammenhang des geistigen Lebens
hat zu seiner ersten und nicht minder zu seiner
bleibenden Grundlage eben diesen Grundzug des
Bewußtseins, seine Bildung aus scharf geschiedenen
Gestalten [...]. 
Zwischen Reiz und Antwort tritt also
die unterscheidende Kraft der Empfindung. Diese
in den Empfindungen geleistete Differenzierung
ist für Meyer das Neue, das aus dem Reiz
selbst nicht ableitbar ist: die Entstehung der
qualitativen Sinnenwelt. Wenn damit die Sinneswahrnehmungen
keine mechanischen Antworten auf den
Reiz darstellen, so sind sie doch genaue
Antworten auf den Reiz; es besteht Meyer zufolge
eine eindeutige Zuordnung von Reiz und Empfindung.
Anders lägen die Dinge beim Gefühl,
dessen Verhältnis zum Reiz gänzlich
unübersichtlich sei. 
So akzentuiert Rönne nicht völlig
eigenmächtig, wenn er das »Gefühl«
in den Mittelpunkt stellt. »Jene Lehre,
daß das Gefühl unmittelbar vom Reiz
abhänge«, schreibt Meyer, »kann
nur eine Irrlehre sein.«
Unter Gefühlen versteht Meyer die Skala der
Triebe, Begehrungen, Neigungen und Abneigungen
wie Liebe, Hass, Zorn, Schmerz und Lust, Trauer
und Freude, Neid und Wohlwollen, mit allen ihren
Schattierungen und Übergängen. Die Leistung
der Empfindungen potenziert sich für ihn
in derjenigen des Gefühls. Mit den Gefühlen
kommen, neu und unableitbar, die Wertungen in
die (menschliche) Welt:
Das Gefühl ist nicht die
unmittelbare Wirkung des Reizes, es gehört
vielmehr auf die andere Seite des Geschehens,
es ist ein Stück der Stellungnahme zu den
Reizen. Die aber ist abhängig von den Bedürfnissen
des Lebens. [...] Aber zur Empfindung einer Berührung
gesellt sich erst bei einer gewissen Stärke
ganz urplötzlich ein Neues, der Schmerz,
und mit ihm kommt die Abwehr oder Flucht [...].
Dabei betont Meyer: Wahl und Wertung,
die mit den Gefühlen gesetzt seien, gingen
nicht aus den Empfindungen hervor, die ja lediglich
der Unterscheidung dienten, seien nicht als deren
Weiterentwicklung verstehbar. »Daß
das Gefühl das große Geheimnis unseres
Lebens sei und die Frage seiner Entstehung unbeantwortbar«,
hält Rönne als befreiendes Resultat
seiner Lektüre fest. Vorsichtiger formuliert
Meyer: »Das Gefühl ist das große
Geheimnis unseres Geistes, die Frage seiner Entstehung
kann nicht leichthin beantwortet werden.«
Wenn aber nun mit den Empfindungen
und den Gefühlen inmitten der physikalisch-chemischen
Abläufe die geistige Welt sich neu, andersartig,
nach eigenen Gesetzen formt, wie lässt sich
der Realitätsgehalt dieser Schöpfung
begründen? Warum ist sie nicht, mit Diltheys
Worten, »ins Leere hinein« konstruiert?
Eine Antwort auf die Frage, die wir ebenso im
Abschnitt  Der
Reichtum der Sinnenwelt aufgeworfen
haben, suchen wir im Abschnitt  Schöpfung
und Erkenntnis zu entwickeln.
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