| Die Wirklichkeit der Außenwelt
Hermann von Helmholtz
und das physikalische Universum
In welchem Verhältnis stehen
die subjektiv empfundenen Sinneseindrücke
und die physikalische Außenwelt zueinander?
Kann überhaupt das Vorhandensein einer stofflich
existenten Außenwelt angenommen werden,
wenn der Mensch nicht die Gegenstände selbst
wahrnehmen kann, sondern lediglich Zeichen und
Symbole? Für den Sinnesphysiologen Hermann
von Helmholtz sind diese Fragen von unmittelbarer
Relevanz, hatte er doch in seiner  Theorie
des Sehens festgestellt, dass zwischen
Sinneseindruck und wahrgenommenen Gegenstand kein
Abbildungsverhältnis besteht und der Gegenstand
als solcher nicht direkt erkannt werden kann.
In seinen erkenntnistheoretischen
Schriften diskutiert Helmholtz intensiv, wie das
Individuum trotz der Subjektivität der eigenen
Wahrnehmung dennoch darauf vertrauen könne,
Teil einer objektiv vorhandenen geordneten Welt
zu sein und auf dieses Vertrauen sein Denken und
Handeln auszurichten. Voraussetzung ist hierfür
Helmholtz´ Überzeugung, dass die Sinnenwelt
keine Täuschung darstellt.
Zwar sei die Art und Weise wie die
Sinnesorgane eine Außenwelt wahrnehmen von
ihrer eigenen physischen Beschaffenheit abhängig;
dennoch folgten Wahrnehmung und Außenwelt
denselben zugrundeliegenden Gesetzen. Dass die
sinnliche Wahrnehmung kein bloßer Schein
sei, lehre die Erfahrung, da die permanent zu
leistende Interpretation der Sinneseindrücke
zu feststellbaren handlungspraktischen Erfolgen
führe. Eine Verbindung von Individuum und
Außenwelt ist für Helmholtz demnach
gegeben. Funktionieren die Bilder, Töne und
sonstigen Reize auch nur wie die Wörter einer
Sprache als Zeichen für die Gegenstände
der Außenwelt, so werden die Gesetze, die
dem physikalischen Universum zugrunde liegen,
dem Menschen durch diese Sinneseindrücke
vermittelt und sind demnach potentiell erkennbar.  
Wie kann nun der Mensch trotz der
Einschränkungen, denen die eigene Wahrnehmung
unterworfen ist, die Existenz materieller Objekte
im Raum postulieren? Nach Helmholtz geschieht
dies über einen Induktionsschluss:
wir müssen die Gegenwart
äußerer Objekte als die Ursachen unserer
Nervenerregungen voraussetzen, denn es kann keine
Wirkung ohne Ursache sein.  
Das Verhältnis von Ursache und
Wirkung, das im Kausalgesetz seinen Ausdruck findet,
wird in Helmholtz´ Theorie zur Grundlage
von menschlichem Denken, Handeln und Wirklichkeitserfahrung.
Dabei ist Helmholtz durchaus bewusst, dass das
Kausalgesetz nicht eigentlich bewiesen werden
kann, da auch die empirische Wissenschaft dem
Prinzip der menschlichen Wahrnehmung, d. h. der
Erfahrung unterworfen ist. Denn für Helmholtz
ist die Raumanschauung nichts, was dem Menschen
angeboren gegeben ist, sondern was erst durch
Erfahrung gewonnen wird.  Das
Subjekt gelangt durch zunehmende Interaktion mit
der Welt zu der Überzeugung, dass diese nur
mittelbar erfahrene Welt durch Gesetzte strukturiert
ist. Wenn es für jede Wirkung einen Grund
geben muss, wovon Helmholtz als Naturwissenschaftler
überzeugt ist, dann müssen auch die
Sinneseindrücke durch etwas hervorgerufen
werden.
Wenn also unsere Sinnesempfindungen
in ihrer Qualität auch nur Zeichen sind,
deren besondere Art ganz von unserer Organisation
abhängt, so sind sie doch nicht als leerer
Schein zu verwerfen, sondern sie sind eben Zeichen
von Etwas, sei es etwas Bestehendem oder Geschehendem,
und was das wichtigste ist, das Gesetz dieses
Geschehens können sie uns abbilden.  
Dieses »Etwas«, das hinter
den wechselhaften Sinneserscheinungen liegt, nennt
Helmholtz »das Wirkliche«.
Da diese Wirklichkeit nach Helmholtz als vom
einzelnen Subjekt unabhängig erfahren wird
und offenbar allgemeinen Gesetzen folgt, hat sie
objektiven Charakter. Helmholtz spricht von dieser
physikalischen Wirklichkeit als von der Substanz:
Wir nennen, was ohne Abhängigkeit
von anderem gleich bleibt in allem Wechsel der
Zeit: die Substanz; wir nennen das gleichbleibende
Verhältnis zwischen den veränderlichen
Größen: das sie verbindende Gesetz.
Was wir direkt wahrnehmen, ist nur das letztere. 
So läuft Helmholtz´ erkenntnistheoretischer
Gedankengang darauf hinaus, dass der Mensch zwar
durch den praktischen Erfolg seines Denkens und
Handelns dazu berechtigt ist, eine geordnete äußere
Welt anzunehmen, daß er über diese
Vermutung hinaus jedoch keine Gewissheit erlangen
kann. Das Individuum kann nur darauf vertrauen,
dass bei gleichen Voraussetzungen eines Geschehens
die gleichen Wirkungen eintreten und seine aus
Erfahrung gewonnene Hypothese eines Kausalgesetzes
somit bestätigt wird:
Die einzige Voraussetzung, welche
wir festhalten, ist die des Kausalgesetzes, daß
nämlich die mit dem Charakter der Wahrnehmung
in uns zu Stande kommenden Vorstellungen nach
festen Gesetzen zu Stande kommen, sodaß
wenn verschiedene Wahrnehmungen sich uns aufdrängen,
wir berechtigt sind, daraus auf Verschiedenheit
der reellen Bedingungen zu schließen, unter
denen sie sich gebildet haben. Übrigens wissen
wir über diese Bedingungen selbst, über
das eigentlich Reelle, was den Erscheinungen zu
Grunde liegt, nichts; alle Meinungen, die wir
sonst darüber hegen mögen, sind nur
als mehr oder minder wahrscheinliche Hypothesen
zu betrachten. 
Helmholtz bezeichnet seine empiristische
Theorie als die denkbar einfachste; eine Theorie,
die zwar nur als Hypothese für das praktische
Handeln Gültigkeit beanspruchen könne,
dort aber augenscheinlich funktioniere. Denken
und Handeln verlaufen demnach so, als ob die aus
Erfahrung gewonnene Vorstellung einer physisch
vorhandenen Außenwelt tatsächlich bestünde.  Am
Ende von Helmholtz´ Deutung seiner sinnesphysiologischen
Befunde steht zwar keine Gewissheit über
»das Wirkliche«  hinter
der Erscheinung, wohl aber ein begründetes
Vertrauen. Dies scheint Helmholtz zu genügen,
wenn er dem Leser zuletzt den Rat erteilt: »Vertraue
und handle!« 
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| Julian Eilmann |
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