| Die Veredelung des Sinneseindrucks
Hermann von Helmholtz
und die Malerei
Die Wahrnehmungstheorie von Hermann
von Helmholtz geht davon aus, daß die objektiv
vorhandene Außenwelt und die subjektive
Sinneserfahrung nicht in einem direkten Abbildungsverhältnis
zueinander stehen. Vielmehr fungiert der Sinneseindruck
als Zeichen für einen Gegenstand der Wirklichkeit,
wobei vom Zeichen nicht unmittelbar auf die Beschaffenheit
des bezeichneten Gegenstandes geschlossen werden
kann. Lediglich eine Übereinstimmung der
zugrundeliegenden Gesetze kann angenommen werden.  Vgl.
Helmholtz´ Theorie des Sehens
Wenn demnach das Netzhautbild kein
verlässliches Abbild der Außenwelt
vermittelt, dann stellt sich die Frage, ob es
Aufgabe der bildenden Künste, insbesondere
der Malerei sein kann, ein möglichst getreues
Bild von geschauter Wirklichkeit zu geben. Dass
sich diese Frage als Konsequenz seiner Wahrnehmungstheorie
ergibt, hat Helmholtz erkannt und das Verhältnis
von Kunst und Wirklichkeit in seinen Schriften
wiederholt erörtert. So diskutiert er in
seinem Aufsatz »Optisches über die
Malerei«,  inwieweit
die Malerei die vom Auge empfangenen Sinneseindrücke
reproduzieren kann, und ob eine Wiedergabe geschauter
Wirklichkeit demnach im Bild möglich ist.
Der nächste Zweck des Malers
ist, durch seine farbige Tafel in uns eine lebhafte
Gesichtsanschauung derjenigen Gegenstände
hervorzurufen, die er darzustellen versucht.  
Obwohl Helmholtz im Folgenden anhand
der sinnesphysiologischen Befunde erläutert,
dass eine mimetische Naturwiedergabe von einem
Gemälde nicht geleistet werden könne,
definiert er als Ziel der Malerei eine möglichst
große Wiedererkennbarkeit der dargestellten
Bildgegenstände. Dieser Gegensatz zwischen
der Forderung nach einer Wirklichkeitswiedergabe
und der Unmöglichkeit der Malerei eine solche
zu leisten, bildet die Grundlage der Kunstauffassung
Hermann von Helmholtz´.  
Zwar sind die auf die Leinwand aufgetragenen
Farbpigmente nicht in der Lage, die Strahlkraft
des vom Auge registrierten wahrgenommenen Lichts
annähernd zu reproduzieren, dennoch könne
»der Maler einen gleich gross erscheinenden
Unterschied hervorbringen trotz der abweichenden
Beleuchtungsstärke in der Gemäldegalerie,
wenn er seine Farben nur in das gleiche Verhältniss
der Helligkeiten giebt, welches die Wirklichkeit
zeigt.«  Helmholtz
zieht hier für seine sinnesphysiologische
Forschung die Schlussfolgerung, dass es nicht
die absolute Helligkeit ist, die eine Wiedererkennung
des Gegenstandes erlaubt, sondern das konstante
Verhältnis der Farbwerte zueinander. Wenn
dieses Farbverhältnis gewahrt bleibt, dann
ist nach Helmholtz auch die Abweichung von der
tatsächlichen Intensität des Sinneseindrucks
unerheblich. Das Bild stellt demnach keine mimetische
oder fotografische Reproduktion von Sinnesdaten
dar, sondern eine Übersetzung, bei der die
Qualität des Sinneseindrucks gewahrt bleibt.
»Der Künstler kann die Natur nicht
abschreiben, er muss sie übersetzen«  
Auf den ersten Blick könnte
es erscheinen, dass aus Helmholtz´ Argumentation
der Schluss zu ziehen sei, die Malerei verfehle
ihren Anspruch, wenn es ihr nicht gelingt, »eine
lebhafte Gesichtsanschauung« der Wirklichkeit
zu geben. Muss Helmholtz als Naturforscher auch
feststellen, dass eine Wiedergabe menschlicher
Sinneseindrücke in der Malerei nicht möglich
ist, so bleibt seine Kunstauffassung davon doch
gänzlich unberührt. So spricht er der
Malerei die Fähigkeit zu, im Betrachter besonderes
Wohlgefallen hervorzurufen, da im Bild all jene
Begrenzungen ausgeschaltet seien, die bei der
Augenwahrnehmung auftreten:
Die Werke der großen Künstler
bringen uns die Bilder der Charaktere und Stimmungen,
mit einer Leichtigkeit, einem Reichtum an individuellen
Zügen und einer überzeugenden Kraft
der Wahrheit entgegen, welche der Wirklichkeit
fast überlegen scheint, weil die störenden
Elemente fernbleiben.  
Ein solches [Gemälde] giebt
alles Wesentliche des Eindrucks wieder und erreicht
volle Lebendigkeit der Anschauung, ohne das Auge
durch die grellen Lichter der Wirklichkeit zu
verletzen und zu ermüden.  
Die Malerei gibt das Wesentliche
des Sinneseindrucks wieder und fügt dem Geschauten
gleichzeitig etwas hinzu, was im Akt der Wahrnehmung
selbst nicht vorhanden ist, sondern erst vom Künstler
geleistet werden kann: »So ist die Nachahmung
der Natur in dem Gemälde zugleich eine Veredelung
des Sinneseindrucks«  Ganz
im Sinne seines idealistischen Ästhetikbegriffs
sieht Helmholtz im Kunstwerk »Wahrheit«
manifestiert, eine Wahrheit, die erst das selektive
Auge des Künstlers zu erkennen vermag.  Der
Kunst wird hier die Fähigkeit zugesprochen,
das Wesen der Dinge hinter dem Wechsel der Erscheinungen
zu erkennen, jene Einsicht, die der empirischen
Wissenschaft und der theoretischen Philosophie
verborgen blieben muss, wie Helmholtz in seinen
erkenntnistheoretischen Schriften festgestellt
hatte –  Wirklichkeit
der Außenwelt.
Das sinnesphysiologische Defizit in der Anschauung
der Dinge wird vom Künstler transzendiert,
indem die Kunst den Blick auf das Bleibende in
»allem Zufall und aller Verwirrung des Treibens
der Welt«  offenbart.
Die Kunst und das genialische künstlerische
Subjekt vermögen demnach annähernd objektive
Wahrheiten zu verkünden. Während Helmholtz´
eigene naturwissenschaftliche Forschungen maßgeblich
dazu beigetragen haben, die Erkenntnisfähigkeit
des Individuums in Frage zu stellen, bleibt die
Fähigkeit der Kunst zur Formulierung von
Wahrheiten demgegenüber unberührt, ja
gewinnt dadurch noch an Kraft.
Am Ende seiner kunsttheoretischen
Erörterung steht die Zuversicht, dass »das
letze Geheimnis der künstlerischen Schönheit,
nämlich das wunderbare Wohlgefallen, welches
wir ihr gegenüber empfinden, wesentlich in
dem Gefühle des leichten, harmonischen, lebendigen
Flusses unserer Vorstellungsreihen begründet
sei, die [...] bisher verborgene Gesetzmäßigkeiten
zur volleren Anschauung bringen, und in die letzten
Tiefen der Empfindung unserer eigenen Seele uns
schauen lassen.«  Während
der Begriff von Schönheit und der darin implizierten
Harmonie von Subjekt und Welt für die junge
Künstlergeneration um 1900 zunehmend problematisch
wird und neue Ausdrucksformen gesucht werden,
ist für Helmholtz das Modell der klassischen
Ästhetik noch ungebrochen gültig. Die
Wesensschau, die die Kunst leistet, führt
zu einer vertieften Erkenntnis der Dinge und der
»Seele«, eine Erkenntnis, die durch
die bloße Augenwahrnehmung nicht zu erfahren
ist.
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| Julian Eilmann |
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