| Außenwelt ist sinnlich
erfahrene Wirklichkeit:
Wilhelm Dilthey
Wenn [für] Helmholtz [...]
die Aussenwelt [...] in Denkprozessen entsteht,
so möchte ich doch im Folgenden versuchen,
den Menschen in seiner empirischen Lebensfülle
zu Grunde zu legen und eine breitere Wirkung des
Triebsystems, der Thatsachen des Willens und der
mit ihnen verbundenen Gefühle zu erweisen.
[...] Ich erkläre den Glauben an die Aussenwelt
nicht aus einem Denkzusammenhang, sondern aus
einem in Trieb, Wille und Gefühl gegebenen
Zusammenhang des Lebens, der dann durch Processe,
die den Denkvorgängen aequivalent sind, vermittelt
ist. Ich möchte auch über die Annahme
hinauskommen, dass die Realität der Aussenwelt
nur den Werth einer Hypothese hat.  
Den zeitgenössischen Erkenntnissen
folgend, lässt auch Dilthey den naiven Realismus
hinter sich, der Phänomen und Wirklichkeit
identifiziert. Andererseits wehrt er sich aber
gegen die »geltende Ansicht«, wie
sie z.B. Helmholtz vertritt, für den allein
das Denken Außenwelt konstituiert, indem
von der Wirkung auf die Ursache geschlossen wird:
Wir fänden Empfindungen und Wahrnehmungsbilder
in uns vor, die Zeichen und Symbole einer Außenwelt
seien, welche gesetzmäßig organisiert
sei – eine Gesetzmäßigkeit, die
sich in der Kausalität unseres Denkens wiederfinde.
(
siehe hierzu: Helmholtz:
»Wirklichkeit« der Außenwelt).
Dilthey dagegen ist der Meinung, dass ein Mensch,
der nur aus Wahrnehmung und Denken bestünde,
lediglich Bilder projizieren, aber nicht Inneres
von Äußerem unterscheiden könnte.
Für ihn ist Helmholtz´ Theorie zu intellektualistisch,
ins Leere hinein construirt,  ein
kaltes Gedankengebäude, das den wahren Lebenszusammenhang
und die psychischen Grundgesetze aller Lebewesen
nicht wirklich trifft. Sein eigener Begriff von
Wirklichkeit ist emphatisch – es ist das
Lebendige, das sinnlich erlebt werden kann.
Wie kann nun Helmholtz´ spröder
Intellektualismus korrigiert werden? Dilthey leitet
den Glauben an eine Außenwelt aus den voluntaristischen
und emotionalen Komponenten des Wahrnehmungskomplexes
ab: Unsere Gefühle, Trieb- und Willensimpulse
streben beständig nach Erfüllung. Dabei
stoßen sie stets auf gleichbleibende Strukturen,
die ihnen entsprechen oder Widerstand entgegensetzen.
Eine kausal determinierte Außenwelt, die
von unserem eigenen geistigen Leben verschieden
ist, erleben wir in erster Linie in der sinnlichen
Erfahrung einer Hemmung unseres ursprünglichen
Impulses, die durch einen vergleichenden und wertenden
Denkprozess lediglich ergänzt wird. Dilthey
versucht demnach, Denken und Gefühl, physikalische
Physiologie und lebensphilosophisch orientierte
Psychologie zu verschmelzen – mit deutlicher
Betonung des trieb- und gefühlshaften Aspekts.
Diltheys These wollen wir genauer
beleuchten: Sie lautet, dass die Realität
der Sinneseindrücke vor allem durch das Verhältnis
von Impuls und Hemmung der Intention, von Wille
und Widerstand geschaffen wird (siehe
auch:  Erfahrung
eines Widerstandsimpulses in einer Bewegung).
Dieser Wirkungskomplex bildet, so seine Überzeugung,
den Kern unserer lebendigen Erfahrung der Außenwelt;
indem die Befriedigung unserer Triebimpulse und
Gefühle durch das Erlebnis des Widerstandes
gegen unsere Intentionen gehemmt wird, erweist
sich Außenwelt als das zu uns andere. Denn
Hemmung und Widerstand schließen ebensogut
Kraft in sich wie der Impuls: Wie in dem Bewusstsein
des Impulses die Erfahrung liegt, daß ich
eine Kraft übe, so in dem Bewusstsein der
Hemmung und des Widerstandes, dass eine Kraft
auf mich wirkt. So bin ich z.B. außerstande,
die Vorstellung eines Störgeräuschs
durch Willensanstrengung zu entfernen: Es übt
vielmehr einen dauernden Druck auf mich aus, der
mich eine Kraft spüren lässt, auf die
ich keinen Einfluss habe. Da etwas auf mich unverdrängbar
wirkt, müssen dieses und ich unterschieden
sein. In diesem energetischen Spannungsverhältnis
wird sowohl das ›Objekt‹ als auch
das eigene Selbst sinnlich erfahren; mit »der
Minderung der objektiven Realität«
schwindet meist auch »die Energie des Ichbewußtseins«,
wie Dilthey anhand des Traumes und einiger Wahrnehmungsstörungen
illustriert.  Ein
weiteres Beispiel führt Dilthey mit der Gesichtswahrnehmung
an: Wenn ich das Auge nach rechts bewege und der
Gegenstand geht nicht mit, so gewinne ich in meiner
denkenden Erfahrung das Bewusstsein seiner Unabhängigkeit
von meinem Willen. Es muss ein Außen dasein,
und meine Augen müssen dienen, es zu sehen.
Auch hier entspringen die Intentionen zu Bewegungen
aus dem System meiner Triebe und werden von ihm
erhalten in einem Zusammenhang von Bedürfnis
und Befriedigung.  
Dilthey nennt dieses ›Erleben
einer Kraftäußerung‹ die »Innenseite«
unserer Wahrnehmungen, Vorstellungen und Denkvorgänge.
Und es ist diese sinnliche Erfahrung der Hemmung,
die das Objekt mit vollem Leben begabt! Dieser
Kern, die »Innenseite unserer Wahrnehmungen«,
wird gleichsam »umkleidet« von den
Empfindungsaggregaten und Denkvorgängen;
so entsteht aus dem Willen die im Körper
erscheinende Person, aus dem Widerstehenden das
Objekt. 
Die Permanenz, die Wiederholbarkeit und die vom
eigenen Willen unabhängigen Gesetzmäßigkeiten
des Wirkens verstärken dann nur noch den
Realitätscharakter, den die Vorstellungen
für uns haben.  Sie
werden schließlich zu einer uns umfangenden
Gewalt, einem undurchlässigen Netz, das uns
der Außenwelt versichert.
Aus der Erfahrung von Impuls und
Widerstand entsteht so eine Mannigfaltigkeit physischer
Kräfte, vom einfachen Gegenstand bis zum
anderen Menschen – letzterer eine besondere
Klasse von Objekten,  da
hier das seelische Sein des Gegenüber durch
Analogieschlüsse vom körperlichen Ausdruck
auf Seelenvorgänge erfasst werden kann. Ein
beständiger leiser Wechsel von Druck,
Widerstand und Förderung läßt
uns fühlen, daß wir niemals allein
sind;  die
Möglichkeit des Nachbildens eines fremden
Innern befähigt uns zu Mitgefühl und
Solidarität und lässt uns den anderen
ebenso als Selbstzweck mit gleichberechtigten
Ansprüchen wie als den uns Verwandten begreifen.
Die erste Erfahrung der „vollen Realität“
des anderen wird dem Kind in der Mutter gegenwärtig,
aber auch in den geschichtlichen Vorgängen
sieht Dilthey nichts anderes als eine Vielfalt
von Willenseinheiten wirken. Geschichte ist eine
Kette aus Kampf oder Solidarität der Willen;
Herrschaft, Abhängigkeit und Verband sind
Willenstatsachen.  
Der Philosoph ist überzeugt:
Wenn die empirische Analyse das Eigenleben der
Willen und ihre Verknüpfungen ignoriert,
bleibt sie der leeren Abstraktion verhaftet.  Dagegen
setzt er die sinnliche Intensitätserfahrung:
Die Dinge sind ihm, im Gegensatz zu Helmholtz,
kein bloßes Zeichen, sondern erlebte Wirklichkeit
– ein Gedanke, der auch paradigmatisch für
die ästhetisch-künstlerische Wahrnehmung
dieser Zeit ist (siehe auch:
Rainer Maria Rilke).
Diltheys Ansicht bleibt nicht unwidersprochen:
Wilhelm Wundt (n.a.) wird gegen dessen
Wahrnehmungsthese und ihre lebensphilosophisch
orientierte Betonung eines triebgesteuerten Voluntarismus´
Widerspruch einlegen.
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| Christine Emig |
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