| Sinne und
Synapsen.
Erkenntniskritik und
Wahrnehmungswandel in der klassischen Moderne
und der konstruktivistischen Postmoderne
Im Zentrum des Projekts steht die
Frage nach Wirklichkeitskonstitutionen und Weltbildentwürfen
an der Schnittstelle von Sinnesphysiologie, Neurophysiologie,
Erkenntniskritik, Literatur, Bildender Kunst und
Neuen Medien.
Spätestens seit den sinnesphysiologischen
Forschungen und Entdeckungen des 19. Jahrhunderts
wird die Beschwörung (oder zumindest: Apostrophierung)
der Kluft zwischen der sinnlichen Wahrnehmung
und der Welt der physikalischen Kräfte und
Wirkungen zu einem Topos im populärwissenschaftlichen
Schrifttum. 1973 nennt Heinz von Foerster die
Erzeugung einer »überwältigend«
vielfältigen und »bunten« Welt
durch unsere Sinnesorgane ein immer noch ›fragwürdiges‹
Faktum
– fast in die gleichen Worte wie er kleidet
Gustav Theodor Fechner, der Begründer der
Psychophysik, 1879 die Diskrepanz zwischen unserer
sinnlich bestimmten Umgebung, der Welt des Lichtes,
der Farben, der Töne, Düfte und Gerüche
auf der einen Seite und der physikalischchemischen
Welt auf der anderen. 
Es ergeben sich zwei historische
Schwerpunkte unserer Untersuchungen:
Um 1900
Zunächst konzentrieren wir
uns auf die Zeit »um 1900«, auf die
Epoche also, in der zum einen auf dem Gebiet der
Sinnes- und Neurophysiologie entscheidende Erkenntnisse
zur Funktionsweise der Sinnesorgane gelingen –
Erkenntnisse, welche die sinnliche Wahrnehmung
als ein »Konstrukt« unseres Gehirns
deuten lassen –, in der zum anderen auf
dem Gebiet der Literatur und Bildenden Kunst die
Abkehr vom Mimesis-Prinzip, der Weg in die sog.
Abstraktion, sich vollzieht. Wir wollen zeigen,
wie der künstlerische Wahrnehmungswandel
(Abstraktion, Entfremdungsstrategien, die vielbeschworene
»Wirklichkeitszertrümmerung«,
die Auflösung der Zentralperspektive und
die kubistischen Raumexperimente) auf das engste
mit zeitgenössischen, sinnesphysiologisch
fundierten Wahrnehmungstheorien verflochten ist,
wie die künstlerischen Entwürfe als
Parallelphänomene zu der Revolution in der
Auffassung von Sinneswahrnehmung verstanden werden
können.
Gleichzeitig wurde um und nach 1900
eben nicht die Konsequenz eines »radikalen
Konstruktivismus« gezogen. So stellt sich
die Aufgabe, die unterschiedlichen Bestimmungen
von Realität herauszuarbeiten, wie sie vom
sinnesphysiologischen Neukantianismus einerseits,
von dessen Kritikern andererseits formuliert wurden.
Helmholtzens Sichtweise, daß Sinneswahrnehmungen
lediglich Zeichen und Symbole seien, ist zum Beispiel
für Dilthey eine Ansicht, die »in das
Leere hinein construirt« (Beiträge
zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres
Glaubens an die Realität der Außenwelt
und seinem Recht );
sie banne uns in eine Welt der bloßen Phänomenalität
und abstrakter »Intellectualität«.
Er dagegen erklärt »den Glauben an
die Aussenwelt nicht aus einem Denkzusammenhang,
sondern aus einem in Trieb, Wille und Gefühl
gegebenen Zusammenhang des Lebens«.
Entscheidend ist hier, daß die Erfahrung
der – widerständigen – Außenwelt
zu einer Sache der Intensität wird. Im Wechselspiel
von Kraftwirkungen, so Dilthey, die der Organismus
ausübe und erleide, werde die Realität
der Außenwelt erfahren. Sinnliche Wahrnehmungen
seien nicht lediglich chimärische Zeichen
oder bloße Bewußtseinsphänomene,
sondern mit einer »Innenseite«
ausgestattet – den Innervationen, den Triebimpulsen
und Gefühlsregungen –, welche Innenseite
sie mit leibhaftiger Evidenz begabe.
Analog dazu fragen wir nach denjenigen
Momenten der (literarischen und bildkünstlerischen)
Darstellung, die den Konstruktivismusgedanken
ergänzen, ja, gegenläufig zu ihm angelegt
sind. Wir stoßen hier auf vielfältige
Seinskonzepte, die von Literaten und Künstlern
formuliert werden – noch Benn, der vielleicht
der heutigen Denkgewohnheit vom »konstruierenden
Gehirn« am nächsten kommt, spricht
von einem »Endgültig Realen«
jenseits der naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung
(Bezugssysteme, 1943 ).
Die Subjekt-Objekt-Beziehung wird gerade von ihnen
neu austariert – so, wenn im Ichzerfall
und Selbstverlust ein Weg zu einer neuartigen
Realitätserfahrung gesehen wird (Rilke, Musil,
Benn). Zugleich stoßen wir auf das Problem
ästhetischer Vergegenwärtigung und »Präsenz«,
will doch der ästhetische Gegenstand die
triviale Gegebenheit seines »bloß
Konstruiertseins« überschreiten. Für
die klassische Moderne charakteristische Kategorien,
die sich darauf beziehen, wären: das Schöpferische,
Intensität, Evidenz, das Unverfügbare,
Unberechenbare im Schaffensprozeß.
Gegenwart
Der zweite Schwerpunkt ergibt sich
aus der Bedeutung, die das Wort vom »Konstruktcharakter
unserer Wirklichkeit« in der Gegenwart erhalten
hat. Wir gelangen von der historischen Perspektive
zu einer aktuell brisanten wissenschaftstheoretischen
und philosophischen Fragestellung. Dabei ist die
Lage vielschichtig. Der »radikale Konstruktivismus«
ist heute zwar nicht mehr ganz up to date,
eine Trendwende scheint z.B. das Merkur-Themenheft:
Wirklichkeit! Wege in die Realität anzudeuten
(Bd. 59. 2005 [Sonderheft 9/10]), und eine der
erfolgreichsten Strömungen in der Kunst der
Gegenwart ist der »neue Realismus«
der Leipziger Schule (Neo Rauch). Doch gerade
in der auf Objektivität angelegten Neurowissenschaft
spielt das »Konstrukt«-Modell eine
wesentliche Rolle, denn es bezeichnet den Übergang
von der materiellen Realität zur subjektiven
Welt der »Qualia« – so die Sprachregelung.
Innerhalb dieser neurowissenschaftlichen Wirklichkeitsauffassung
wird die subjektive Perspektive zum Imaginären,
Illusionären; die materielle Basis der Persönlichkeit,
das Gehirn, wird als das »eigentlich Reale«
angesehen. So wird in der derzeitigen Geist-Gehirn-Debatte
die Wirklichkeitsauffassung in besonderer Weise
virulent, stellt doch die Sprachregelung »die
phänomenale Welt ist ein Konstrukt des Gehirns«
einen Höhepunkt in der Entwertung der primären
menschlichen Erfahrung dar. Welche Positionen
bieten dagegen philosophische Reflexionen? Wie
lassen sich die Ursprünglichkeit und Objektivität
der Wirklichkeit, die dem mentalistischen Vokabular
entspricht, begründen? Wie läßt
sich die Uneinholbarkeit der Innenperspektive
und Subjektivität vom Odium des Beliebigen
und Nicht-Relevanten befreien?
Literarische Strömungen der
Postmoderne sehen wir – ähnlich wie
diejenigen um 1900 – als Parallelen, aber
auch als Gegenentwürfe zur wissenschaftlichen
Wirklichkeitsauffassung an. Der Pluralismus der
Weltentwürfe ist ein Leitwort der »Postmoderne«,
die (vermeintliche?) Auflösung der »Wirklichkeit«
und ihre Ersetzung durch Interpretationen und
Konstruktionen ist ein Leitprinzip in wichtigen
Romanen der Gegenwartsliteratur – all das
läßt sich durchaus auf den »radikalen
Konstruktivismus« z.B. eines Paul Watzlawick
oder Gerhard Roth beziehen. Doch wieder stellen
wir fest, daß die Rede vom »Konstruktcharakter«
der perspektivisch gebundenen, fiktiven Wirklichkeitsentwürfe
(Fitz 1998) nicht ausreicht.
Welche Subjekt-Objekt-Beziehungen
werden erprobt, welche Realitätserfahrung
und welche Erkenntnis wird der subjektiven Perspektive
zugestanden? Welche Auffassungen von Wirklichkeit
werden durchgespielt? Muß man den Pluralismus
der subjektiven Entwürfe durch ein Modell
unterschiedlicher Realitätsdimensionen ergänzen?
Diese Fragen legen Romane von Ian McEwan, Aris
Fioretos, Sten Nadolny, Christoph Ransmayr, Botho
Strauß nahe, in denen es eben nicht bei
der reinen Selbstbezüglichkeit der subjektiven
Perspektive bleibt. Indem wir den Bezug zu sinnesphysiologischen
und wahrnehmungstheoretischen Wissensbeständen
verfolgen, eröffnet sich ein Spannungsfeld
von »Konstruktion«, »Konstitution«
»Verrätselung« und (möglicher)
Evidenzerfahrung der Wirklichkeit, der Akt der
Formgebung verweist auf eine unverfügbare
Notwendigkeit (Gerhard Richter 1996), die mit
der »Evidenz« der künstlerischen
Entwürfe zu tun hat. Analogien zur Literatur/Kunst
der Jahrhundertwende (1900) schärfen den
Blick für das Wechselverhältnis von
»Konstruktion« und dem nicht konstruierbaren
»Anderen«.
Ausblick
Wenn wir die Klassische Moderne
und die sog. Postmoderne wie zwei Spiegel einander
gegenüberstellen, so geschieht dies mit folgendem
Erkenntnisinteresse: Wir wollen erstens den gegenwärtigen
Auslegungen der neurophysiologischen und biologischen
Forschungsergebnisse historische Tiefenschärfe
verleihen, indem wir auf vergleichbare Diskussionen
um 1900 verweisen und die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten
systematisieren; dies soll vor allem auch der
Orientierung heutigen Standpunkten gegenüber
dienen. Zweitens besitzt die Epochenspiegelung
für die Frage nach der Wirklichkeitskonstitution
in Literatur/Kunst der Gegenwart erhellende Funktion.
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| Monika
Fick |
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